Aktuelles aus der Presse

Die neu entdeckte Höhle bei Laichingen

In der Stärke von drei Mann - Fabrikant Gutekunst in Owen, Apotheker Hölzle in Kirchheim und der Einsender - machten wir uns am 16. November, einem herrlichen wolkenlosen Herbsttag, infolge einer von laichingen an uns ergangenen Einladung und im Auftrag des Schwäbischen Höhlenvereins auf den Weg, um das neuste Wunder dieser höhlenentdeckenden Zeit zu besichtigen und zu untersuchen. Etwa eine Viertelstunde von Laichingen entfernt (in der Richtung auf Suppingen zu) befindet sich auf einer hochgelegenen Oede, in deren Nähe sich eine der berühmten Laichinger Obstbaumanlagen ausdehnt, der vorläufige Eingang der Höhle. Es wird dort schon von alters her, wie die vielen alten und neueren Senkungen zeigen, auf Sand gegraben, und bei diesem Geschäft entdeckte ein Sandgräber, dem plötzlich aller Sand in die Tiefe rann, die Höhle. Sofort nach dem Eintritt durch die Thüre gehts senkrecht in die Tiefe inab, und bei dieser Senkrechten bleibt es so ziemlich die ganze Höhle hindurch. Wer kein vollständiges Vertrauen auf Leitern und Leitersprossen oder auf die Festigkeit eines Manilaseils hat, kehrt lieber, gleich am Eingang wieder um. Von einer Leiter steigt man, immer am gähneneden Abgrund, wiederholt auf die andere über, und schließlich versagt auch dieses Mittel und man muß zum Seil greifen. Die ganze Höhle ist ein ein System von gewaltigen natürlichen Schächten, bis jetzt drei, die ziemlich parallel zu einander wenig unterhalb der Oberfläche beginnend, sich bis zu 100 Meter in die Tiefe ziehen. Dieser Typus ist ein bei uns seltener, jedenfalls nirgends in dieser mächtigen Weise ausgebildet, und wir stehen nicht an, die Höhle aus diesem Grund zu den merkwürdigsten des Landes zu rechenen, wiewohl die eigentliche Höhlenbildung, wenn man unter Höhle einen kuppelförmigen Hohlraum versteht, nur als seitliche Unterbrechung und Verbindung der Parallelschachte vorhanden ist. Immerhin sind auch diese seitlich ausgespülten Hohlräume zum Teil ziemlich ausgedehnt und gewähren mit ihren Felstrümmern ein wildes Bild. Besonders auffällig sind die schneckenförmig gewundenen Ausmündungen der Schachte nach unten, die unwillkürlich an duchgebrochene Gletschermühlen erinnern. Im übrigen ist wohl die Höhle als ein Zerklüftung im großen Maßstab zu erklären, die durch zeitweilig, etwa bei Schneeschmelze, eindringende Wildwasser ausgeräumt und ausgerundet wurde. Die größte Tiefe des hauptschachtes (gegen Westen) ist noch nicht erforscht; das von uns benützte Seil reicht e nicht. Dort finden sich Ansätze zu schönen Tropfsteinbildungen. Sonst ist die Höhle arm an solchen; die da und dort vereinzelt vorhandenen zeigen meistens Warzenform montmilchartig. Einige im oberen Teil gefundene Zähneerwiesen sich als Pferdezähne, vom heutgen Pferd stammend, die irgendwie durch Spalten hereingeschwemmt worden sind. Von Bewohntheit der unterirdischen Räumlichkeiten kann keine Rede sein; der bergwerkartige Bau der Höhle schließt das vollkommen aus. - Wir atmeten auf, als wir nach mehrstündigem Klettern, Steigen und Hängen wieder zum Tageslicht empordrangen, und erfreuten uns an der schönen Alpensicht, die sich genau auf dem Platz über der Höhle bietet.


Gutenberg.
(Aus dem Staatsanzeiger für Württemberg Nr. 272.)