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Spurensuche im Reich der unerforschten Tiefe

Die Laierhöhle ist als tiefste Höhle der Alb vermessen worden - und zieht Hobbywissenschaftler in ihren Bann

Von Antje Schmid

Geislingen. Es kam einer Sensation gleich, als vor sechs Jahren durch einen Zufall die Laierhöhle unweit von Geislingen im Kreis Göppingen entdeckt worden ist. Sie gilt mit 122 Metern als die tiefste Höhle auf der Schwäbischen Alb. Eine Reise in den Untergrund.

"Wo ist mein Helm?", fragt Dieter Domke. Ohne den Kopfschutz mit den riesigen, Glubschaugen ähnelnden Lampen geht für den Hobbyhöhlenforscher gar nichts. Dazu der rote Overall und die Handschuhe. Schließlich dürfen auch die wasserdichten Bergschuhe nicht fehlen, bevor Domke und seine Freunde vom Kahlensteiner Höhlenverein sich völlig verhüllt dem Untergrund hingeben und genussvoll in einem winzigen Schacht verschwinden. Hier, nur wenige Meter von einem Wohnhaus in Weiler bei Geislingen auf der Schwäbischen Alb entfernt, beginnt der mitunter äußerst glitschige Abstieg in die tiefste Höhle der Region.

Wie nahe Abgrund und häusliche Bodenständigkeit beieinander liegen können, erfuhren Bauarbeiter vor sechs Jahren, als beim Ausheben der Erde für einen Neubau plötzlich riesige Teile in die Tiefe stürzten. Niemand hatte bis dahin geahnt, was für ein vielschichtig verzweigtes Höhlensystem sich hier unter Tage verbergen würde. Für die Hobbywissenschaftler des Höhlenvereins war es die Öffnung zu einem Paradies. Als Erster ein so geschichtsträchtiges Gewölbe zu betreten, zählt zu den absoluten Höhepunkten eines Forscherdaseins. "Das ist ein ungeheures Privileg", meint der 45 Jahre alte Vereinsvorstand Domke.

Auch der 38-jährige Matthias Grupp zwängt sich an diesem Nachmittag - wie an vielen Wochenenden - durch den etwa einen Quadratmeter großen Einstieg hinab in die Donnerstagskluft, einen Abschnitt, den die Höhlenkundler an einem Donnerstag erstmals betraten. Schritt für Schritt steigt er die kaum mehr als einen Fuß breite Treppe hinunter ins Dunkle, grinst und sagt: "Das ist erst der Anfang. Der Anfang des unterirdischen Labyrinths."

Dass dies wirklich erst der Beginn ist, wird mit jedem Versuch, auf dem schmierigen Weg in die Tiefe Fuß zu fassen, ein bisschen deutlicher. Kein Wunder, dass die Höhlenforscher dem tiefsten Teil des verkarsteten Gesteins in Anlehnung an die Wirrungen der Höhlen Afghanistans den Namen Hindukusch gegeben haben. Auch die Bezeichnungen der übrigen Höhlenteile wie Wilder Westen und Geheimer Abgrund lassen ahnen, wie schwierig es für den Verein ist, das gesamte Höhlensystem auszukundschaften und begehbar zu machen.

Wer von der Donnerstagskluft weiter in die Wagrainhalle, die Nordwestpassage bis hin zum so genannten Amphitheater, kommt, verliert schlagartig jedes Zeitgefühl. "Ich kann oft nicht unterscheiden, ob ich erst vier oder schon acht Stunden hier unten bin", sagt Domke und lässt seinen Blick über die teilweise meterhohen herabgebrochenen Tropfsteine schweifen.

"Zeit ist hier unten nichts", findet auch der in Holzheim lebende Grupp, der gemeinsam mit seinem Freund Rainer Rösch die gesamte Höhle exakt vermisst. An einem langen Vermessungstag, wenn er sich, mit Kompass und Neigungsmesser ausgestattet, an einem Seil in die letzten Höhlenwinkel hinablässt, scheinen ihm die Tropfen des Kalksteins fast wie Stimmen in der Weite der unterirdischen Tiefe. "Das Gefühl, an einem weißen, also unerforschten Fleck der Erde zu sein, ist berauschend", sagt Grupp und nimmt eine Wasserprobe, um die Verschmutzung später genauer zu analysieren.

Die Laierhöhle ist mit ihren 122 Metern rund 40 Meter tiefer als die bekannte Laichinger Tiefenhöhle, die als Schauhöhle auch für Besucher zugänglich ist. Beide gehören zu etwa 2600 registrierten Höhlen auf der Schwäbischen Alb. Doch die wenigsten von ihnen können besichtigt werden - nur etwa zehn sind für Besucher erschlossen, darunter auch die Bären- und die Nebelhöhle.

Während draußen die Sommersonne schwülwarm und drückend ist, zeigt das Thermometer hier unten die stets gleich bleibenden kühlen acht Grad. Wollsocken, Schal und wasserdichte Kleidung sind besonders bei mehrstündigen Höhlentrips dringend erforderlich. Insgesamt zwei auf verschiedenen Ebenen gelegene Kilometer des verzweigten Höhlensystems haben die Vereinsmitglieder bisher vermessen.

Die Grotten auf der Schwäbischen Alb zählen zu den so genannten Karsterscheinungen. Die Bezeichnung Karst kommt vom Namen einer Landschaft im Hinterland von Triest, wo solche Formationen zuerst erforscht worden sind. Karstlandschaften existieren weltweit überall dort, wo es wasserlösliches Gestein gibt, wie in der Laierhöhle Kalk oder Dolomit, das gleichzeitig Zwischenräume für Wasserbahnen besitzt. Bei dem als Verkarstung bezeichneten Vorgang wandelt sich der zunächst oberirdisch gelegene Wasserabfluss einer Landschaft in eine unterirdische Entwässerung.

Von der Nordwestpassage kommend steht die an diesem Nachmittag abgestiegenen Gruppe der Höhlenforscher plötzlich im Amphitheater, dem bisher größten entdeckten Raum in der Laierhöhle. Etwa 42 auf 19 Meter misst die von der Natur erbaute Halle und erinnert in ihrer Form tatsächlich an antike Theater, wenn es nur nicht so dunkel wäre. Es ist einem fast unheimlich zu Mute. Irgendwie fühlt man sich in dieser Tiefe an Sagen und Geschichten von guten und bösen Höhlengeistern erinnert.

"Das Unbekannte zieht mich immer wieder in die Tiefen der Höhle hinab", sagt Domke, während er genau darauf achtet, dass niemand einen gekennzeichneten Weg verlässt. Schließlich sollen mögliche geologische Funde nicht durch unachtsames Hinundherlaufen zertrampelt werden. Es sei einfach ein "grandioses Gefühl", neue Gänge zu entdecken, erzählt der Techniker aus Bad Überkingen, der sich seit mehr als 20 Jahren der Höhlenforschung verschrieben hat. "Hier versinkt man in einer anderen Welt."

Das öffentliche Interesse an den Höhlen auf der Schwäbischen Alb erwachte bereits in der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Einige der Gewölbe, wie etwa die Bären- und die Nebelhöhle, pflegen bis heute ihre traditionellen Feste. Bevor der unterirdische Tourismus begann, dienten die Albhöhlen vor allem dem Abbau von Schwefelkies, dem Heilmittel Montmilch, dem Metallreinigungsmittel Trippelerde, der Farbe Ocker und dem Düngemittel Phosphaterde.

Auf das Alter der Laierhöhle wollen sich Domke und Grupp noch nicht festlegen. "Wir sind erst am Anfang unserer Erkundungen", sagen sie. Es sei lediglich sicher, dass es die Grotte bereits "ein paar Millionen Jahre" gebe. Klar sei auch, dass die Herausbildung der Höhle noch vor der Entstehung des nahe gelegenen Filstals abgeschlossen worden sein muss. Die Landschaft hat laut Grupp "damals völlig anders ausgesehen".

Die weitere Forschung ist freilich nur mit Hilfe des Hausbesitzers möglich - schließlich liegt das unterirdische Gewölbe auf seinem Grund und ist damit auch sein Eigentum. Glücklicherweise steht sein Abstieg in die Höhle für den Verein stets offen. "Der Mann ist inzwischen selbst Mitglied bei uns geworden", sagt Domke. Die gesamten Arbeiten müssen die Höhlenkundler allerdings aus eigener Tasche finanzieren - vor allem mit Mitgliedsbeiträgen und Spenden.

Nach ein paar Stunden in den verzweigten Abgründen geht es wieder hinauf ans Tageslicht. Noch schnell den Schacht auf den schmalen Eingang legen - und die Geschichte der Schwäbischen Alb verschließt sich wie eine Türe im Boden hinter der Forschergruppe. Bis zum nächsten Mal im Hindukusch.


Auskünfte über Höhlen auf der Schwäbischen Alb gibt es im "Höhlenführer Schwäbische Alb", erschienen beim Konrad Theiss Verlag. Nähere Infos zur Laierhöhle und zum Kahlensteiner Höhlenverein im Internet unter: http://www.kahlenstein.de


© 2002 Stuttgarter Zeitung, 01.07.2002.