Laichingen (jdu) Am gestrigen Samstag ist die Bombe geplatzt: vor internationaler Presse stellte der Höhlen- und Heimatverein seinen neusten Fund vor. Ein neuentdeckter Teil der Höhle enthält mindestens 15.000 Jahre alte Malereien von Bisons und Antilopen. Dieser Fund ist bisher in Süddeutschland einmalig, Fachleute sprechen von einer Sensation.
Bereits beim Bau des neuen Eingangsgebäudes vor einem Jahr wurde ein bisher unbekannter Teil der Tiefenhöhle
entdeckt.
Beim Graben der Baugrube wurde unweit des Entdeckerspalts und nur wenig unter der Erdoberfläche ein Abschnitt
der Höhle entdeckt der offensichtlich vor 15.000 Jahren kurzzeitig eine Öffnung zur Erdoberfläche hatte.
In dieser Zeit haben Künstler der Eiszeit Malereien geschaffen, die den Vergleich mit Altamira oder Lascaux
nicht zu scheuen brauchen.
Um die Höhle zu schützen, die zuerst nur unvollkommen gesichert werden konnte, wurde sie zur Geheimsache erklärt. Die eiserne Verschwiegenheit der Höhlenbären verhinderte ein Bekanntwerden des Fundes sogar in Fachkreisen. Erst jetzt, nachdem eingehende Sicherungsmaßnahmen getroffen werden konnten, wurde das Geheimnis gelüftet und die Malereien der Öffentlichkeit vorgestellt. Vorstand Rolf Riek lobte in seinen einleitenden Worten die Verschwiegenheit seiner Vereinskameraden. "Sie haben eine vorbildliche Disziplin gezeigt, und damit den Bestand dieses einzigartigen Fundes gesichert."
"Wie wir von den französischen Höhlen wissen, kann intensiver Besucherverkehr, durch die Veränderung der
klimatischen Bedingungen in der Höhle, Malereien die 15.000 Jahre erhalten geblieben sind, in wenigen Monaten
zerstören" so Riek weiter.
Der Höhlen- und Heimatverein hat deshalb in Eigenleistung eine luftdichte Sicherheitstür eingebaut und so den
Zustand vor der Entdeckung wiederhergestellt.
Besuche sind nur für Fachpublikum möglich und streng kontingentiert.
Alle zukünftigen Besucher müssen zuerst den wissenschaftlichen Nutzen ihres Besuchs nachweisen.
Eine ausgeklügelte Sensorik mißt alle Klimaparameter in dem kleinen Raum und erlaubt so ein rechtzeitiges
Einschreiten, falls das Höhlenklima sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen verändern sollte.
Dann müßte wohl mit einer vollständigen Sperrung der Höhlenraums gerechnet werden.
"Die besondere Situation der Höhle hat die Bilder bis in unsere Zeit überdauern lassen!" sagte Prof. Rossmann vom Institut für Frühgeschichte in Tübingen bei einem Einführungsvortrag. "Bisher dachte man immer, daß in Süddeutschland keine Malereien erhalten blieben. Doch die einzigartigen Umstände in Laichingen haben die Kustwerke konserviert. Damit ist der Fund eines Steines mit Farbresten im Hohlen Fels, der vor einem Jahr für großes Interesse in der Presse sorgte, zur Bedeutungslosigkeit verblasst."
Prof. Rossmann, der vielen durch das nach ihm benannte Rossmann'sche Rätsel bekannt sein dürfte, gilt als
Kapazität auf diesem Gebiet.
Er erläuterte den Grund warum nur hier Malereien erhalten blieben:
"Die Farben die damals verwendet wurden, sind aus in der Natur vorkommenden Tonmineralien und Bohnerzen hergestellt worden.
Diese Pigmente wurden mit Wasser und Tierblut als Bindemittel zu einer Farbe verarbeitet, die alle Chancen hat
Jahrhunderttausende zu überdauern, wenn sie in der kühl-feuchten Atmosphäre einer Höhle konserviert wird.
Doch im Verlauf der Eiszeiten wurden viele Höhlen der Alb mit Eis gefüllt und dieses Eis brach hunderte von
Trofsteinen ab und zerstörte auch alle vorhandenen Malereien.
In jeder bisher bekannten Höhle erreichte das Eis eine größere Höhe als die eventuell früher vorhandenen
Malereien, so daß diese vollständig zerstört wurden."
Die Situation bei der Tiefenhöhle war jedoch anders gelagert. Diese Höhle befindet sich auf einer Kuppe, so daß nur wenig Niederschlagswasser in die Höhle gelangen konnte. Ein Höhlenbach existierte zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Und auch das darunterliegede große Höhlensystem verhinderte mit aufsteigender warmer Luft die Bildung von größeren Eismengen nachhaltig.
Die Malereien sind nicht so zahlreich wie in den französischen und spanischen Höhlen, was vor allem am begrenzten
Raum liegt.
Dennoch ist ihre Bedeutung gar nicht hoch genug zu bewerten.
Neben der absoluten Einmaligkeit des Fundes, immerhin sind es bisher die einzigen Höhlenmalereine im gesamten
süddeutschen Raum, ist auch die Qualität der Malerien außergewöhnlich.
Sie bedecken eine glatte Stelle im sonst eher löchrigen Dolomit.
Erste Spekulationen, ob der Fels künstlich bearbeitet wurde um die Malereien anbringen zu können, wurden laut.
Auch dies wäre eine einzigartige Besonderheit.
Bereits im Vorfeld waren Einladungen an die namhaftesten Wissenschatler der Welt ergangen, so daß bei der Eröffnung das neuerbaute Hohlenrasthaus aus allen Nähten platzte. In Laichingen selbst und in 30 Kilometer Umgebung war an diesem Wochenende kein Hotelzimmer mehr zu bekommen. Es waren sogar Experten aus Frankreich, Süd Afrika, China und den USA angereist.
Anfänglich waren die Meinungen eher verhalten, zu unglaublich war dieser Fund. Doch die anfängliche Skepsis schlug in Begeisterung um, sobald die Wissenschaftler die Malereien besichtigen durften. Aufgrund des begrenzten Raums, der nur fünf Personen gleichzeitig die Besichtigung gestattet, nahm dies den ganzen Nachmittag in Anspruch. Die anschließende erhitzte Diskussion setzte sich bis in die Nacht fort.
Durch das angeregte Interesse an dem Fund, wurde der Verein inspiriert in Laichingen ein Zentrum für die Erforschung der archäologischen Funde einzurichten. Unterstützung erhalten sie dabei von namhaften Tübinger Archäologen, allen voran Joachim Hahn, der Ausgräber des Geißenklösterchens. Das Tübinger Institut denkt daran in Laichingen eine Außenstelle mit mindestens einem Professor und vier oder fünf wissenschaftlichen Mitarbeitern einzurichten.
Neben den Malereien werden in den Bodenschichten weitere aufschlußreiche Funde erwartet.
Erste Elfenbeinschnitzereien, die unter einer dünnen Schicht Höhlensedimente erahnt werden können, wurden bisher
im Interesse der Wissenschaft unverändert belassen.
Sie sollen in den nächsten Monaten ausgegraben werden.
Dr. Ufrecht, Kurator des Museums für Höhlenkunde, berichtete weiter: "Wir arbeiten gerade am neuen Museumskonzept. Als uns klar wurde, daß dieser Fund nie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein kann, haben wir sofort reagiert. Das neue Museum wird eine naturgetreue Kopie des neuen Raumes enthalten, die unbeschränkt besichtigt werden kann. Diese Kopie wird von den Fachleuten des Deutschen Museums in München nach den allerneusten wissenschaftlichen Erkenntnissen erstellt. Da die Kosten dafür sehr hoch sind, wird das neue Museum allerdings nicht mehr wie bisher kostenlos zugänglich sein können. Wir dachten an Eintrittspreise von etwa 25 DM pro Person."
Und auch Ralf Hiller von der Informatikabteilung des Höhlenvereins hatte noch eine Neuigkeit auf Lager: "Die Informatikabteilung steht gerade in Verhandlung mit verschiedenen Firmen, die ein virtuelles dreidimensionales Modell der Höhle erstellen sollen. Dazu wird der Raum mit einem Laserscanner hochauflösend abgetastet. Anschließend wird dieses Modell mit photogrammetrischen Aufnahmen überlagert, so daß eine hundertprozentig realistische virtuelle Kopie entsteht. Wir gehen davon aus, daß diese virtuelle Höhle spätestens in einem Jahr für jeden auf DVD verfügbar sein wird. Auch eine Version für das Internet ist in Planung, allerdings konnten wir dafür noch keine technisch befriedigende Lösung finden."
Bilder von Andreas Nägele.
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