Aktuelles aus der Presse

Speläotheme und Höhlensedimente

Autor: Michael Rahnefeld

26.11.2000

Laichingen/Erpfingen (ra) Höhlen bergen Geheimnisse. Weniger im mystischen Sinne, sondern ganz konkret für Wissenschaft und Forschung. Dies wurde am Wochenende einmal mehr in Laichingen deutlich, wo sich rund 100 Höhlenforscher und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz zusammenfanden, um über die Datierung von Tropfsteinen und Höhleninhalten zu diskutieren.

Die höhlenkundlichen Symposien (Fachtagungen) in Laichingen genießen in der Fachwelt schon lange einen guten Ruf. Sie dienen als gemeinsames Forum für die in der Freizeit betriebene Höhlenforschung und die in ihrer ganzen Bandbreite angelegte Wissenschaft. Das wurde am Samstagvormittag bestätigt, als der Geologe Dr. Wolfgang Ufrecht vom Höhlen- und Heimatverein Laichingen (HHVL) im gut gefüllten Rössle-Saal Höhlenkundler sowie Vertreter von Universitäten und Forschungsinstituten begrüßen konnte. "Speläotheme und Höhlensedimente ­ Zeitmarken und Klimaarchive für das Pleistozän und Holozän" war die Tagung im wissenschaftlichen Fachjargon überschrieben. Ihr sollte sich am Sonntag noch eine Exkursion in die Bärenhöhle bei Erpfingen (Kreis Reutlingen) anschließen, um beispielhaft an Ort und Stelle zuvor Diskutiertes begutachten zu können.

Konkret sprachen die Höhlenspezialisten in Laichingen darüber, was den oft jahrtausendealten konservierten Hinterlassenschaften in Höhlen, ihren geologischen Veränderungen und Formationen und den immer noch in ihnen vonstatten gehenden Prozessen an Daten und Erkenntnissen zu unserer Klima- und Erdgeschichte abgerungen werden kann.

"Für die meisten Menschen sind Höhlen nur dunkle, schmutzige und nasse Löcher, und nur wenige wissen, dass diese jedoch vielfältige Geheimnisse bergen", sagt Wolfgang Ufrecht. Höhlenforscher hätten sich zur Aufgabe gemacht, diese Geheimnisse zu entschlüsseln, wozu sie oft stunden-, in Extremfällen sogar tagelang unter Tage seien, um die unterirdischen Räume zu erkunden, zu vermessen, zu dokumentieren und wissenschaftlich zu untersuchen. Und Ufrecht weiter: "Für Höhlenforscher ist dies Hobby, denn in Deutschland gibt es keine Berufs-Speläologen (Berufs-Höhlenkundler)". Trotzdem sei der Stellenwert der Höhlenkunde sehr hoch einzustufen, zumal es sich um eine so genannte "interdisziplinäre", also eine fachübergreifende Wissenschaft handle, bei der die Höhlenforscher mit Geologen, Hydrologen (Wasserkundlern), Urgeschichtlern, Paläontologen (Erdgeschichtsforschern), Biologen, Zoologen und Chemikern zusammenarbeiten.

Inhalt der Tagung in Laichingen war ein Austausch über neuen Wissenstand und über laufende Forschungsprojekte und -methoden, speziell im Zusammenhang mit der Altersdatierung von Tropfsteinen und Sedimenten (Schichten), wobei die Karstgebiete der Schwäbischen und der Fränkischen Alb sowie der Alpenraum im Mittelpunkt standen. Die Wissenschaftler greifen bei ihrer Arbeit häufig auf sehr aufwendige Möglichkeiten zurück, indem beispielsweise in Forschungslabors Höhleninhalte (Tropfsteine, Knochen, Pflanzenreste) im Blick auf radioaktive Zerfallsvorgängen gemessen und bewertet werden. Aber auch einfachere Methoden wie die Pollenanalyse oder nur Beobachtungen gewisser Veränderungen in bestimmten Zeitabschnitten und im Bezug zu bestimmten Bedingungen bringen die Forscher zumeist ein Stück weiter. Bislang war die Wissenschaft im Blick auf die Klima- und Erdgeschichtsforschung stark im maritimen Bereich (Meeresbereich) orientiert, doch zunehmend gewinnen die Höhlen in ihrer "Archivfunktion" bezüglich früherer Klimagegebenheiten auf unserer Erde an Bedeutung, wurde bei der Tagung in Laichingen immer wieder hervorgehoben. Und gerade der Karst der Schwäbischen Alb dürfte da noch vielen Forschergenerationen einige Geheimnisse preisgeben.