Aktuelles aus der Presse

Die Eiszeit-Maler von der Alb

Archäologen entdecken bei Ulm 13.000 Jahre alte Felszeichnungen

Süddeutsche Zeitung, Nr. 150

Samstag/Sonntag 3./4. Juli 1999

Tübingen (dpa) - Tübinger Archäologen haben in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb eine Entdeckung gemacht, die sie für sensationell halten. Sie fanden nach ihrer Darstellung die ersten Felszeichnungen Deutschlands. Die Professoren Nicholas Conard und Hans-Peter Uerpmann vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität bargen in der vorjährigen Grabungskampagne in der Hohle-Fels-Höhle bei Schelklingen (Alb-Donau-Kreis) "einen bemalten Stein, der mit hoher Sicherheit der erste überzeugende Nachweis für eiszeitliche Höhlenkunst in Deutschland, vermutlich sogar in Mitteleuropa, ist".

Den handtellergroßen, mit zwei Doppelpunktreihen versehenen Stein datieren sie auf ein Alter von 13.000 Jahren. Er war vermutlich als Teil einer größeren Höhlenzeichnung von der Wand gefallen. Den Fund und ihre Forschungsergebnisse wollen die Experten am Montag bei einer Pressekanferenz vorstellen.

Die Schwäbische Alb gilt als reiche Fundgrube bedeutender Spuren steter vorgeschichtlicher Besiedlung. Die zahllosen, meist höher gelegenen Karsthöhlen boten den Steinzeitmenschen Schutz vor Feinden und Wetter und waren als Zuflucht- und Wohnstätten bestens geeignet. Über der Donau liegt als junge Siedlung die Heuneburg: Das "schwäbische Troja" war um 3.000 v. Chr. frühkeltischer Fürstensitz mit Beziehungen ins antike Griechenland. Auch den Burghügel ergraben die Tübinger.

Dort fanden sie in der Vogelherdhöhle im Lonetal bei Heidenheim 1931 elf kleine Kunstwerke aus Elfenbein, darunter ein Wildpferdchen und Mammuts. Mit 30.000 bis 35.000 Jahren gelten diese berühmten Vogelherdfiguren als die ältesten figürlichen Darstellungen von Menschenhand. Die Skulpturen sind im Tübinger Schloßmuseum. Nun wurde die erste Felszeichnung entdeckt.

Rituelle Höhlen- und Felszeichnungen sind in aller Welt bekannt. Warum sie bisher in Mitteleuropa fehlten, darüber kann nur spekuliert werden. Das Klima reicht als Erklärung nicht aus. Auf dem porösen Karstgestein der Alb mögen Malereien leichter verwittern. Der jetzige Fund, der diese These zu stützen scheint, belegt, daß es solche Zeichnungen offenbar auch dort gab.

Die systematischen Grabungen in den Albrandhöhlen begannen die Tübinger schon 1870/71. Professor Gustav Riek trieb von 1929 an die Untersuchungen voran, fand die Vogelherdfiguren und erreichte 1958 die Bildung des eigenständigen Instituts. Seine Nachfolger Wolfgang Kimmig und Hansjürgen Müller-Beck forcierten mit dem Denkmalamt die Grabungen. Der kürzlich gestorbene Grabungsleiter Joachim Hahn forschte vor allem in den Höhlen am Hohlen Fels und des nahen Geißenklösterle bei Blaubeuren.

In den Höhlen hinterließen die eiszeitlichen Jäger und Sammler, Zeitgenossen des Neandertalers, die in ihren Fellen Temperaturen von plus 20 bis minus 40 Grad ertragen mußten, eine Fülle von Spuren. Am Hohlen Fels etwa birgt jeder Liter Boden rund 50 Fundstücke. Neben den Resten der vielfältig genutzten Tiere wurden Elfenbeinfiguren und bunt bemalte Steine, wohl Spielsteine, geborgen. Hahn stieß unterhalb der Siedlungsschicht von etwa 27.000 v. Chr. im Jahr 1993 in der Schicht rund 30.000 v. Chr. auf weitere menschliche Spuren.