Stuttgart (sz) - Seit zehn Jahren ist beim Straßenbau eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben. Auch die Bedürfnisse von Fledermäusen sind dabei zu beachten. Die Behörden suchen für sie Ausweichquartiere in Naturkellern. In Oberschwaben gibt es noch eine Menge davon.
Werden Tier- und Pflanzenwelt durch den Straßenbau schwer gestört, muß der Eingriff an Ort und Stelle ausgeglichen werden. So ist es im Naturschutzgesetz geregelt. Möglich sind auch Ersatzmaßnahmen an anderer Stelle oder Ausgleichszahlungen in die Stiftung Naturschutzfonds. Werden durch ein Projekt Fledermausquartiere berührt, dann haben die Straßenbauer bislang vor allem künstliche Ersatzbehausungen angelegt. Doch die Tiere nehmen diese neuen Unterkünfte oft nicht an und werden vertrieben.
Beim Neubau der Bundesstraße B 10 beispielsweise fiel vor acht Jahren bei Ebersbach (Kreis Göppingen) eine alte Mühle der Spitzhacke zum Opfer. Dort hatten Fledermäuse im Dachgebälk für den Sommer eine Wochenstube eingerichtet. Zum Ausgleich wurde unter der Straße eine 20 Meter lange und zwei Meter hohe Röhre verlegt. Doch bis heute haben die Tiere die darin aufgestellten Hohlblocksteine gemieden.
Inzwischen bieten sich Alternativen. Ein Experte im Stuttgarter Verkehrsministerium will die durch Spritzmittel, Dachausbauten und geregelte Forstwirtschaft fast ausgerotteten Säuger in Naturkellern unterbringen. Trotz Flurbereinigung gibt es vor allem in Oberschwaben davon noch eine ganze Menge, die zum Teil bereits mit Fledermäusen besiedelt sind.
Naturkeller sind vor allem Bier- und Eiskeller, erklärt Albrecht Schlierer, Landwirtschaftsdirektor im Referat "Verkehrsmanagement, Generalplanung Straßen". Diese teilweise mehr als 100 Meter langen Räumlichkeiten wurden im vergangenen Jahrhundert in der freien Landschaft gebaut, haben aber heute keine Bedeutung mehr.
Im Auftrag des Verkehrsministeriums haben zwei Wissenschaftler, German Gobs aus Saulgau und der Stuttgarter Roland Pregitzer, rund 600 dieser in die Molasse gegrabenen Höhlen untersucht. Als ganz besonders schönes Exemplar gilt etwa der ehemalige Eiskeller der Brauerei Härle in Königseggwald an der Kreisgrenze zwischen Ravensburg und Sigmaringen.
Doch die Naturkeller sind vielfach bedroht. Nicht wenige Eigentümer lassen sie zumauern, weil sie einsturzgefährdet sind. Albrecht Schlierer will mit seinem Forschungsprojekt erreichen, daß die Objekte erhalten und saniert werden. Um die Fledermäuse zu schützen, genügt oft, ein massives Türgitter anzubringen. Mit den Erkenntnissen der Fledermausforscher wird nun die Straßeninformationsdatenbank gefüttert. Die Daten werden in absehbarer Zeit beispielsweise für die geplante Umfahrung von Bad Buchau (Kreis Biberach) gebraucht. Doch Albrecht Schlierer hat weiteren Forscherdrang: Ihn treibt die fledermausgerechte Brückensanierung um.
Dazu inspiriert hat ihn etwa der Umbau einer Landesstraße bei Calw. Die wenig lärmempfindlichen Tiere nisten sich freilich auch in größeren Verkehrsbauten ein. Ein Brückenkontrolleur stöberte mehrere Dutzend toter Fledermäuse in einem begehbaren Pfeiler des Aichtalviadukts der Bundesstraße 27 südlich von Stuttgart auf. Sie waren dort nicht wieder herausgekommen.
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