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Höhlen sind "Lesebücher der Erdgeschichte"


Der "Löwenmensch".
Aufnahme: Ulmer Museum/Thomas Stephan

Sie berichten vor allem aus der jüngsten erdgeschichtlichen Vergangenheit, dem Eiszeitalter (Pleistozän) und der Nacheiszeit (Holozän). Die Seiten dieser Lesebücher werden von den Ablagerungen in den Gängen, Schächten und Hallen einer Höhle gebildet. Die einzelnen Schichten aus Geröll, Lehm, Sand, Versturz, Frostschutt und zwischengeschalteten Sintergebilden dokumentieren wie in einem natürlichen Kalender verschiedene in der Vergangenheit abgelaufene Prozesse sowohl innerhalb der Höhle, als auch weit außerhalb auf der Karsthochfläche. In den Ablagerungen sind oft Knochen längst ausgestorbener Lebewesen zu finden, manchmal sogar Steinwerkzeuge oder andere Hinweise auf vorzeitliche Menschen und ziemlich selten auch deren Überreste. Derartige Funde sind in den Sedimenten meist hervorragend konserviert. Für Spezialisten, wie Paläontologen, Urgeschichtler und Geologen, bilden Höhlen also Archive besonderer Art.

Der  "Löwenmensch" aus dem Stadel im Hohlenstein (östliche Schwäbische Ostalb) ist eine Figur in Menschengestalt mit Löwenkopf (Höhe ca. 30 cm). Aus dem Stoßzahn eines Mammuts geschnitzt, bildet sie eines der wenigen Zeugnisse der mythisch-religiösen Vorstellungen des Menschen der Altsteinzeit in Süddeutschland. Die Figur ist etwa 32.000 Jahre alt (Aurignacien). Sie ist heute im  Ulmer Museum ausgestellt.


Bild: Grabung im Hohlen Fels bei Schelklingen.
Aufnahme: Wolfgang Ufrecht
Bild: Profilaufnahme einzelner Schichten.
Aufnahme: Uwe Krüger
Bild: Der Schädel eines Höhlenbären ist durch Übersinterung konserviert (Karls- und Bärenhöhle Erpfingen).
Aufnahme: Wolfgang Ufrecht

Faustkeil aus dem frühen Mittelpaläolithikum
Aufnahme: Jochen Duckeck

Faustkeil aus dem frühen Mittelpaläolithikum (Heidenschmiede bei Heidenheim, Original Württembergisches Landesmuseum Stuttgart)
Der Fortschritt in der Bearbeitung von Stein und die Schaffung von Steinwerkzeugen erlauben eine Gliederung des Eiszeitalters in Kulturstufen. In Höhlensedimenten eingebettete Steinwerkzeuge liefern daher wichtige Zeitmarken, die zur Datierung mancher Ablagerungen in Höhlen beitragen.

Ablagerungen in Höhlen erzählen uns somit eine spannende Geschichte, die über zehntausende, oft sogar hunderttausende von Jahren geschrieben wurde. Will man sie genau verstehen und einzelne Ereignisse entschlüsseln, so muss der Aufbau und die Verbreitung der Sedimente in der Höhle kartiert und Schicht für Schicht untersucht werden. Die vertikale Abfolge gibt zunächst eine relative Altersbeziehung: was unten liegt ist älter, was oben liegt ist jünger. Oft sind aber solche Abfolgen gestört, weil Sedimente bei Überflutungsphasen ausgeräumt und später durch neue ersetzt werden. Zwischen solchen Ereignissen liegen nicht selten lange Unterbrechungen, in denen sich über dem Sediment Bodensinter oder sogar Stalagmiten bilden können. In manchen dieser "Ruhephasen" werden Höhlen von Mensch und Tier bewohnt.


Die Einbindung von Sinterlagen in Sedimentabfolgen ermöglicht die Anwendung absoluter Datierungsmethoden. Mit ihnen ist das Wachstumsalter der Sinter bestimmbar. Diese Datierungen liefern Zeitmarken in den Sedimentprofilen, so dass sich die relativen Altersbeziehungen zeitlich einengen lassen. Auf dieser Basis kann eine Chronologie von Ereignissen in Höhlen aufgestellt werden. Nicht selten existiert eine Wechselfolge von Sedimenten und Sinterbänken, die eine abwechslungsreiche Sedimentationsgeschichte offenbaren.