Das Buch Burrenhardter Leut' berichtet vom Leben auf der Alb. In einzelnen Episoden werden Leute und ihre Geschichten vorgestellt, der Weber, der reiche Bürgermeister, der Schuster und der Schmid.
In der Episonde Der Webstuhl wird vom Ende des Zeitalters des Webers in seiner Dunk berichtet. Die moderne Zeit macht das Handweben unrentabel. Ganz nebenbei wird das Weben erklärt, von der Ernte des Flachs über das Dörren und Brechen, Spinnen und Spulen bis zum Aufziehen der Kettfäden auf den Baum.
Der Autor Hans Reyhing stammt nicht aus Laichingen, sondern aus dem nahegelegenen Bernloch bei Münsingen, wo er am 1.10.1882 geboren wurde. Er war von Beruf eigentlich Lehrer, verfasste aber mehrere Bücher, darunter die Trilogie Der Tausendjährige Acker. Er verfaßte ebenfalls ein Mundart Theaterstück. Er starb am 1.7.1961.
In meinem Nachbarhause im Dachstüblein wohnt die alte Margret. Sie ist jetzt dreiundneunzig Jahre alt, hat weiße Haare und geht am Stock. Ihre Augensterne sind beinahe erloschen. Es ist, ihre Blicke kämen aus einer schon versunkenen Zeit und gingen über all das, was um sie ist, hinweg, wie das letzte schwache Aufleuchten eines verbleichenden Tages.
Sie ist auch ganz anders gekleidet als die anderen Leute von Burrenhardt. Sonntags trägt sie eine Bändelhaube, deren Spitze aus dunkelblauem Samt ist und daran verblaßte grüne Sternlein noch leise blinken; die stattlich herunterhängenden Seidenbänder sind schon ziemlich vergilbt. Werktags geht das alte Weiblein immer in einem dunkelgefärbten, schweren Rock aus selbstgewobenem Zeug und einem Leible aus dem gleichen Stoff. Man sieht es dem Rock und dem Leible an, daß sie schon oft gewaschen und gefärbt worden sind.
Die alte Margret spricht nicht mehr viel und spricht nicht mehr gern. Oft aber geht sie auf den Kirchhof an das Grab ihres einzigen Sohnes, der vor zehn Jahren gestorben ist. Langsam humpelt sie zwischen den Gräberreihen hindurch und schüttelt dabei immer ein wenig mit dem Kopfe. Sie würde noch einige Gräber besuchen, vor allem das Grab ihres Mannes, des alten Webermarte; aber den haben sie ja vor fünfzehn Jahren schon ausgegraben. Ach Gott, schon so lange! . . . Ja, und dann sollten noch zwei Gräber da sein, die ihrer beiden Schwiegertöchter, der Anna und der Bine. Aber auch die sind schon ausgegraben. Sie schüttelt immer wieder den Kopf ... was ist doch das? Sie kommt ein ganzes Menschenalter hintendrein, sie gehört gar nicht mehr her.
Still geht sie dann wiedet in ihr Stüblein und setzt sich im alten Lehnsessel an das Fenster, durch das milde die Mittagssonne hereinfällt. Hier aben ist alles alt und seltsam.
An der Wand steht ein riesiger Kasten, grau getönt, blau und rot mit vielen verschnörkelten Figuren bemalt, die aber ein wohltuendes Gesamtbild geben. Damit hatte einst ein Schreiner sein Meisterstück gemacht. Wenn man den Kasten aufmacht, erblickt man einen ganzen Berg schneeweißer Leinwand, Tischtücher und unver-. arbeitetes Tuch.
In der Mitte der Stube steht ein Tisch mit weitgespreizten Beinen und einer breiten Schublade. Einer Familiengemeinschaft, die sich hiehersetzte, wäre nicht leicht der Boden unter den Füßen wegzunehmen - so sieht er aus. An den Wänden hängen buntbemalte Denksprüche. Dann hat noch ein Bett Raum und ein niederes Kästlein. Auf ihm und neben ihm aber stehen sonderbare Gegenstände, denen Menschen der heutigen Zeit ratlos gegenüberstehen. Das Ding auf dem Kästlein ist ein Haspel; die Maschine daneben mit dem großen Schwungrad und dem einladenden Triebel ist ein Spulrad, an dem die Kinder, die in das Stüblein heraufkommen, besonders die Urenkel der alten Margret, nach Herzenslust treiben. Sie lächelt dann wehmütig, denn das Rad läuft leer.
Spulrad und Haspel sind Dinge, die man einst zum Spinnen und zur Weberei gebraucht hat. Dazu gehört auch die Zettelrahme auf dem freien Platz vor der Türe. Sie ist zusammengelegt und an die Wand gelehnt, ein ganz rätselhaftes Ding.
Die Enkelin, die Weberbäuerin, hat das alte Gerümpel längst verbrennen wollen; aber die Ahne hat's nicht gelitten, und dabei hat sie ihr Enkel, der Jakob, eint Stiefbruder der Weberbäuerin, lebhaft unterstützt. Er ist Webmeister in einer Fabrik in der Stadt, und er ist rührend anhänglich an die Ahne. Es ist eine alte Liebe; denn der noble Webmeister ist auch bald vierzig Jahre alt und hat schon Kinder, die konfirmiert sind.
Wenn die alte Margret ihre Urenkel sieht, muß sie wieder den Kopf schütteln, daß sie noch da ist, ein vergessenes Stücklein einer vergangenen Zeit. Dazu gehören allerdings auch Spulrad, Haspel. und Zettelrahme, und dazu gehörte noch ein Webstuhl; aber von ihm ist nur noch die Lade da, das andere fehlt. Doch wir können sowieso nichts mehr damit anfangen. Der Direktor eines Altertumsmuseums wüßte uns allerdings einen gelehrten Vortrag darüber zu halten, und die alte Margret müßte wohl auch manches zu erzählen haben. Wenn wir sie aber darüber befragen, sagt sie nur: "Mei' Ma' ist Weber g'weal), und mei Soh' hat au no' g'wobe." Dabei gleiten ihre Blicke mit einer seltsamen Innigkeit über die alten Gegenstände hinweg. Was nun diese Blicke bedeuten, kann uns auch der gelehrteste Vortrag des gelehrtesten Museumsdirektors nicht sagen.
Ich habe davon gehört und will versuchen, es zu erzählen.
Es ist schon lange her . . . Es war in einem nassen Sommer und an einem jener unfreundlichen, nebeltriefenden Tage, die der Herbst oft unzeitig in den August hereinwirft. Der Himmel hing voll grauer Wolken, und der Wind trieb sie in unermüdlichen Stößen dahin.
's Webers Frieder lud auf dem "Wolfbühl" Hanf ab. Der Wind wühlte gewalttätig in den Büscheln, die umherlagen. Doch die Margret, seine Mutter, hatte gleich angefangen, eins ums andere aufzumachen und auf dem Boden zwischen dem spärlichen Heidegras auszubreiten.
Die Margret ist eine noch rüstige Sechzigerin, hat ein derbgezeichnetes, gesundes Gesicht, gradlinige starke Augenbrauen, einen strenggeschlossenen Mund und ist von sicheren, raschen Bewegungen. Sie hat Kleider am Leib, von deren Unzerstörbarkeit man beim ersten Blick überzeugt ist, deren Alter man aber nicht gut schätzen kann. So tüchtig sehen sie aus, daß man versucht ist, zu glauben, ihre Mutter sei einst schon darin gegangen, und nach ihr werde auch eine Tochter noch ein Menschenalter darin hausen können.
Eine Tochter nun hat die Margret nicht, nur einen Sohn, den Frieder; und die Söhnerin, die neben dem Wagen steht, sieht nicht darnach aus, als wollte sie einmal in das schwiegermütterliche Zwilchgehäuse hineinschlüpfen. Die Junge trägt einen leichten, blau und weiß bedruckten Rock, der der Schwieger recht fadenscheinig dünkt, einen schwarzen Jacken dazu und einen blauen Schurz, lauter Stoffe "aus der Stadt", von herumreisenden Krämern aus Eningen gekauft. Sie streicht Schürze und Rock zurecht, als möchte sie sagen: "Die Schwieger geht doch gar nicht mit der Zeit."
Es war nun, als ob die Schwieger, der das Herumstehen der Söhnerin2) nicht gefiel, diese Gedanken erriete. Sie riß einige Hanfbüschel unwirsch auf und blickte mit schlechtverhaltenem Unmut über die Spreite hinweg. Frieder sah den Blick und fragte, "Ja mei'st, du kommest allei' z' Streich, i muß heim." Die Mutter antwortete: "Fahret no', i hab' scho' oft allei' Hanf g'spreit'!"
Der Frieder war indessen nicht recht zufrieden. Er machte, nachdem er abgeladen hatte, einige verlegene Schritte hin und her und blickte dabei immer wieder sein Weib an, was diese gar nicht zu sehen schien. Dann fragte er die Mutter mit merklicher Besorgtheit in der Stimme: "Soll dir 's Jaköble e Vesper bringe, Mutter?"
Margret tat der Ton wohl; aber sie wollte vor der Söhnerin nichts merken lassen und sagte nur: "I ka' warte, bis i heimkomm." Frieder und sein Weib saßen auf und fuhren fort.
"Du hättest helfe solle", sagte er vorwurfsvoll.
"Ma' ka' ja doch nix recht mache, bei ihrem Hanf, ihrem heilige!" sagte sie spitzig. "Überhaupt die ganz G'schicht . . . " fuhr sie übellaunig und geringschätzig fort, beendete aber ihre Rede nicht und blickte forschend nach Frieder, der mit seinen Füßen geräuschvoll auf dem Wagenbrett hin- und herscharrte und einen lauten, zornigen Peitschenknall tat. Das war schon viel von dem ruhigen Mann, und es war dann auf der ganzen Heimfahrt still zwischen ihnen.
Margret fuhr indessen eifrig im Geschäft fort. Es lief ihr von der Hand wie Wasser. Es war überhaupt keine bessere Schafferin im Ort als die Margret. Hatte man im Adler eine Wasch, so war sie dabei; sie half dort in der Ernte, im Heuet, beim Kartoffelheraustun; sie verwaltete das Amt einer Backhausmesnerin und einer Brechstattverwalterin. Und dabei war ihre eigene Haushaltung immer im Stand gewesen, schon zu Zeiten ihres Mannes und auch in den letzten Jahren wieder, nachdem das erste Weib ihres Sohnes gestorben war, die stille Anna, mit der sie so gut ausgekommen war. Wie hatten sie miteinander gesponnen an den Winterabenden und dem Frieder, der das Weberhandwerk vom Vater erlernt hatte, Handreichung getan mit Spulen und Zetteln! Ihr eigener Hanf und ihr eigenes Tuch waren immer ihr Stolz gewesen. Ihr Mann hatte aus der Weberei wohl nur einen bescheidenen Verdienst gezogen; aber Brot hatten sie immer gehabt, und der Frieder, ihr einziger Sohn, hatte sich einige Äckerlein und noch eine Kuh zulegen können, so daß er einen eigenen Zug bekam, mit dem er im Heuet und in der Ernte sein Sach heimführen konnte, wenn er auch zu den schweren Fuhren und zum größten Teil des Ackergeschäfts einen Roßbauern haben mußte. Es war für sie eine große Freude, sehen zu können, wofür sie ihr Lebtag geschafft hatte. Und das Handwerk ihres Mannes und alles, was damit zusammenhing, vom Hanf auf dem Acker bis zum gebleichten Tuch in der Truhe, war ihr ein Heiligtum.
Nun war aber vor einigen Wochen ein anderes Weib ins Haus gekommen und ein anderer Geist, ganz gegen ihren Willen. Es hatte schwere Kämpfe gekostet. Aber der Frieder hatte schließlich gesagt: "I muß mit ihr hause, net du!" und hatte seinen Kopf durchgesetzt.
Jakobine Sauerle, die Tochter des Neubauern, der einen mittelgroßen Umtrieb hatte und mit einem Paar Ochsen fuhr, war eine Neumodische und eine Stolze. Ihr Vater galt als ein gescheiter Mann, er probierte viel, aber nicht immer zu seinem Vorteil; so sagten die Leute, er hause rückwärts mit all' seinen vermeintlichen Fortschritten. Er besaß zwei Töchter. Die jüngere kam frühzeitig unter die Haube. Bine, die älteste, aber trug ihr spitziges Gesicht, ihre Tugend und ihren Bauernstolz, der dreimal so groß war als der Hof ihres Vaters, über dreißig Jahre herum, ohne unter den Söhnen habhafter Bauern in ganz Burrenhardt einen Liebhaber dafür zu finden. Frieder fragte um sie, und auf Drängen des Vaters nahm sie ihn, da der Weber heraufkomme, wie man allgemein im Dorfe sagte. Bine bekam ein paar gute Äcker, eine Wiese und eine Kuh mit und glaubte nun, dem Weberhause das Heil gebracht zu haben. Das gefiel Margret übel; denn man hatte auch schon gegessen, ehe die Söhnerin dagewesen war. Aber noch mehr weh tat ihr, daß die Junge vom Hanfbau nichts verstand und auch nichts wissen wollte, vom Spinnen und Weben sogar recht gering dachte. Aber solange sie, die Margret, noch gesunde Arme hatte, sollte das Weberhandwerk, das für sie alle ein Segen gewesen war, nicht an den Nagel gehängt werden.
Sie hatte unterdessen den Hanf in lange nebeneinanderliegende Rezhen sorglich ausgebreitet, damit jeder Stengel seine Sonne und seinen Regen haben konnte. Zum Schlusse zog sie noch eine "Lege" ringsherum , daß die ganze Hanfspreite eingefriedigt dalag, richtete sich auf, stemmte die Hände in die Hüften und überblickte mit Genugtuung den ganzen Platz, und ihr Blick konnte etwa bedeuten: Muß ich nicht auch um den alten Geist meines Hauses einen Zaun bauen und ihn schützen vor dem neuen? Alsdann wickelte sie ihre zwilchene Schaffschürze zusammen und machte sich auf den Heimweg.
Kaum war sie einige Schritte von ihrer Hanfspreite weg, da rief es ihr nach: "Laß mi au mit, Margret, du springst ja wie e Junge." Es war die gesprächige Evam'rei, die niemand ungeschoren lassen konnte. Sie war gerade auch auf dem Heimweg. Margret tat langsam. "Du hast natürlich wieder de schönste Hanf auf 'm ganze Esch. Wie e Mauer ist 'r g'stande", sagte die Evam'rei "und Stengel sind 's g'wea, wie d'r größt' Ma'."
"Ja, i bi' z'friede", antwortete Margret.
"Warum hat denn dei' Söhnere et helfe g'spreit', die hat doch 'en jüngere Buckel als du?" fragte nun die andere mit scheinbarer Teilnahme.
"Sie ist mit 'm Frieder heimg'fahre", sagte Margret ausweichend.
"Ja, wenn ma' de Hund zum Jage trage muß, isch nix", fuhr die Evam'rei fort. Margret war es aber nicht darnach, ihre Haushaltung durch diesen Fleckenbesen im Dorf herum ausrichten zu lassen. Sie sagte mit fühlbarer Abweisung: "I ka' allei' Hanf spreite und brauch kei' Hilf von meiner Söhnere; aber au keine gege se." Das letzte betonte sie nachdrücklich.
Als Evam'rei merkte, daß sie an die Unrechte gekommen war, zog sie unbekümmert an einem anderen Trumm. Und das ungute Wetter, das gar kein rechtes Erntegesicht zeigen wollte, und die Kartoffelkrankheit, die da und dort ausgebrochen war, schienen Dinge, worüber sich viel reden ließ.
Margret war nicht dabei und unterbrach die glückliche Redseligkeit selten. Sie war mit ihren Gedanken bei ihrem Mann, dem Marte, und hörte seinen Webstuhl gehen . . . Die neue Zeit gefiel ihr gar nicht. So wie die Söhnerin waren viele. An den Spinnrädern schämten sich die jungen Mädchen. Wer noch Hanf baute, ließ meistens in der Fabrik spinnen und weben. Es werde feiner, sagten die Leute, und mache so keine Arbeit. - Aber auch schlechter sei es, fügte die Margret immer bei. Frieder war noch der einzige Weber in Burrenhardt. Viele Leute bauten gar keinen Hanf mehr. Sie kauften sogar die Leinwand zum Bettzeug in den Läden der Stadt. Das schien ihr die größte Schande zu sein. War das früher eine tüchtige Zeit gewesen! Alles Tisch- und Bettzeug hatte man selbst gebaut, selbst gesponnen, im Dorfe weben lassen und selbst gebleicht, dann war man aber auch gestellt gewesen. Wieviel Geld trug man jetzt jährlich in die Stadt!
Sie hatte einst noch ein übriges getan und Tuch an vornehme Stadtfrauen verkauft. Auch die konnten es nur loben - Frauen aus der Stadt!
Unter diesen Gedanken kam Margret mit Evam'rei ins Dorf. Diese bot "Gut Nacht!" Als Margret aufs Haus zukam, sprang ihr der Enkel, das sechsjährige Jaköble, entgegen. "Ahne, hast mir keine Himbeer' mit'bracht?" fragte er und hängte sich ihr vertraulich an die rechte Hand.
"Nei", antwortete sie, weißt, i bi' heut net im Wald g'wea. Aber da hast 'was zum Spiele'." Damit wickelte sie einige große weiße Schneckenhäuser aus ihrem Schaffschurz heraus und gab sie ihm. Wie ein fröhliches Böcklein hüpfte er um sie herum und klopfte die hohlen Schneckenhäuser zusammen. Dann fragte er: "Gelt, i darf dein' Schurz in dei' Stüble 'nauf trage?",
"Ja freile", sagte die Ahne. Und er sprang die steinerne Treppe hinauf. Er war schon auf der Bühnenstie e auf der man ins Stüblein der Ahne hinaufging, da ief ihm die Mutter: "Komm und hol mir Salz!"
"Glei", rief ihr Jaköble zu, "i muß bloß vorher d'r Ahne ihren Schurz 'nauftrage:'
"Aber reg dich, daß d' Mutter net warte muß", sagte die Ahne. Indessen brachte die Söhnerin die Salzbüchse aus der Küche. Mit einem ruhigen, aber gemessenen "Guten Abend!" schritt die Schwieger an ihr vorüber " g und stieg langsam in ihr Stüblein hinauf. Es war frosti oben. Sie schauderte ein wenig, als sie eintrat. Ja, ja, bei solchem Wetter hatte ihr die Anna immer ungeheißen ein Feuer in den Ofen gemacht. Das hatte doppelt warm gegeben. Es war ihr nicht ums Geschäft. Bald hatte sie es selbst besorgt.
Nun kam das Jaköble die Stiege heraufgesprungen wnd trat zu ihr herein. Sie hatte sich auf einen Stuhl ans Fenster gesetzt, wo sie zwischen zwei Häusern hindurch den Blick auf den Kirchhof frei hatte. Sie mochte heute drunten in Küche und Stall nicht mithelfen. Jaköble musterte, wie er oft tat, die Bilder an der Wand. Dann blieb sein Blick auf dem Brett über der Türe hängen. "Du, Ahne", sagte er, "darf i net e bißle mit dem Schiffle da drobe spiele?" Die Großmutter nahm es herunter. Es war ein schön braun, poliertes Weberschifflein mit leichtem Nickelbeschlag an den Spitzen, ein Andenken an ihren Mann, das sie wie einen Schatz hütete. Er hatte es seinerzeit als Preis für ein schöngewobenes Tischtuch erhalten. "Paß aber auf und mach's net hi'!" sagte sie und griff nach einer Spule, die auf dem Kästlein lag, steckte sie hinein und zog den Faden heraus. "Fahr zu!"
Jaköble fuhrwerkte einigemal im Stüblein herum. Dann kam er wieder auf die Großmutter zu und fragte: Woher hast du denn des schöne Schiffle?"
"Vom Ahne", sagte sie.
"Hat der au g'wobe, wie d'r Vater?"
"Ja, d'r Vater hat's bei ihm g'lernt."
"Gelt, und i lern's au e'mol beim Vater?" sagte er mit Eifer. Die Großmutter bekam feuchte Augen, fuhr ihm zärtlich über seinen Krauskopf und sagte leise ja.
"Du, Ahne, verzähl mir au e G'schichtle, gelt, heut hast Zeit?" und er schmiegte sich zutraulich an sie. Die Großmutter nahm ihn auf den Schoß und legte die Arme eng um ihn, als wäre er das einzige, das sie in diesem Hause noch besäße. Die Augen schließend, lehnte sie den Kopf zurück und besann sich ein wenig. Dann griff sie aus dem Schatz der Geschichten, die in der Spinnstube früher die Abende erwärmt hatten, eine heraus und erzählte sie dem Jaköble.
Sie begann: "'s ist e'mol3) 'en armer Weber g'wea. Der hat viel Kinder g'habt, mehr als e Dutzend, aber wenig Brot. Wenn d' Mutter d' Tischschublad aufg'macht hat, sind alle die htmgrige Schnäbel drübernei'g'hanget; daß se schier gar broche ist. D'r Hunger hat ihne aus de Auge 'rausguckt, und alle habe z'sammeg'schrie: ,Mutter, mir au ei's! Mutter, mir au ei.'s!' D' Mutter hat aus'teilt; aber 's hat net e'mol für d' Hälfte g'langt, daß d'r Mutter selber 's Wasser d' Backe runterg'laufe ist. Se hat sich nimmer z' helfe g'wißt. D'r Nachbare ist se scho' fünf Pfund Mehl schuldig g'wea, und d'r Müller hat g'sagt, se soll 's alt vorher zahle, eh' se neu's woll'.
,Was mache m'r denn?' hat sie zu ihrem Ma' g'sagt. Der ist au klepperdürr g'wea und hat an dem Tag no' nix 'gesse g'habt, er hat auf de Tisch nei'g'schlage und hat g'schrie: ,Bettle' tu i jetzt oder stehle!"
,O, mach' vollends fertig, vielleicht kriegst glei' Geld.'
,I brauch no' mindestens e Woch, und solle m'r bis dahi' schnarrmaule4)' hat d'r Vater g'sagt und ist gange.
Gott Lob und Dank!' hat d' Webere denkt, als se ihn glei drauf im Webgade g'hört hat. Ihre Kinder hat se ins Bett g'legt und g'sagt: ,Kinder, betet, vielleicht schickt d'r lieb Gott Brot ins Haus'. Die Kinder habet6) z'sammeg'weint und sind dann bald ei'g'schlafe.
D'r Weber aber hat g'wobe über Kopf und Hals, bis beinah' nacht worde ist in sei'm Webgade. Aber immer hat er wieder sein Weberbaum a'b'sehe müsse. 's ist halt no' arg viel Garn drobe g'wea. No' hat er auf ei'mol sei' Schiffle auf de Bode g'worfe' und hat g'sagt: ,'s mag webe, wer mag, i geh wo anders hi'!'
Da schlüpft e klei's Ma'le aus d'r Schemelgrub 'raus. Des hat weiße Zwilchhose a', e brauns Wämmesle und große Schlappschuh und e schwarze Zipfelkapp auf. Des setzt sich an Webstuhl hi' und zappelt und tut, wie wenn's 'em Kuckuck naus'komme wär, und wibt so schnell, wie 's d'r Weber no' nie g'sehe hat. Ihm ist's ganz grü' und blau worde vor de Auge, wie die Lad zug'schlage hat und wie des Schiffle g'floge ist. Er hat kei' Wörtle mehr schwätze könne.
Wo d' Spul leer g'wea ist, hat's aufs Tuch nei'patscht und g'sagt: ,Handwerk hat 'en goldene Bode!'
,Ja, und e hungrige Decke', hat ihm d'r Weber bruttlig zur Antwort gebe, ,i pfeif' drauf, d'r Teufel soll von mir aus Weber sei'!'
Und du?' hat jetzt des Ma'le g'fragt. ,
,I gang spaziere wie d' Edelleut und guck, wo d' Vögel herflieget.'
,Habet deine Kinder dann 'gesse?' fragt 's Ma'le weiter.
's gibt g'nug Sach auf d'r Welt', poltert d'r Weber daher, ,i nehm, wo ist!'
,So, so? Willst also von dei'm und deiner Kinder gutem Name zehre, sagt des Ma'le langsam und guckt de Weber a', wie wenn er durch ihn durchgucke möcht. Dann nimmt er ihn an d'r Hand und führt ihn an Webstuhl hi' und sagt: ,Weber, gib et luck! Sitz hi' und schaff! De ganz Nacht durch, und d'r Sege soll dabei sei'!' D'r Weber ist hi'g'sesse wie e Lämmle. 's Ma'le ist nebe ihm 'nunterg'rutscht wie e Eidechsle und nei'g'schlupft in d' Schemelgrub. D'r Weber hat g'spässig 'nunter'guckt, hat aber nix mehr g'sehe und a'fange webe. Er hat grad g'mei't, d' Schemel gehe von selber. D' Lad ist so leicht g'wea wie e Kapp, und des Schiffle ist g'floge wie e Vögele. Im Webgade hat's aber g'wettert, wie wenn zwanz'g Webstühl 'gange wäre.
's ist voll Nacht 'worde. D'r Weber hat kei' Müde mehr g'spürt und kein Hunger. D'r Mond ist auf'gange und hat ganz hel.l in de' Webgade nei'g'schei't, daß d'r "Zettel" und 's Tuch ausg'sehe habet wie Gold und Silber. Je ärger 's blitzt und glitzt hat, um so schneller hat er g'wobe.
,So isch de ganz Nacht fort'gange. Auf ei'mol hat d'r Weber g'sehe, daß d'r Weberbaum leer g'wea ist. No' hat er de Kopf auf d' Händ hi'g'legt und ist am Webstuhl ei'g'schlafe.
Am andere Morge ist er aufg'wacht, und wie 'r des fertig' Tuch a'guckt - isch schneeweiß und von Silber- und Goldfäde durchschosse g'wea. Mit dem ist 'r glei zum König 'gange und hat g'sagt, er soll seiner Tochter, die bald Hochzeit hat, 's Hochzeitkleid davo mache lasse.
D'r König hat e mächtige Freud g'habt und hat dem Weber 'en ganze Geldbeutel voll Goldstückle 'gebe. Von dene hat er sofort 'en große Sack voll Weißbrot 'kauft und hat's seine Kinderle heimtrage und sei'm Weib. Die habet 's Maul nimmer z'sammebracht vor Lache, wo d'r Vater heimkomme ist, und se habet g'mei't, jetzt seie se im Paradies, und habet 'gesse, daß d' Ohre g'wackelt habet. Und von da a' hat's beim Weber nie mehr g'fehlt." -
Jaköble hatte schier das Atmen vergessen; die Schatten der hereinbrechenden Dämmerung und die zunehmende Wärme des Ofens verwoben sich eng mit dem wunderbaren Goldglanz der Geschichte, daß das Bürschlein in allen Himmeln spazieren ging. Als die Ahne an dem schönen Ende angekommen war, legte er glücklich seinen Kopf an ihre Brust, und sie streichelte ihn zärtlich.
Da trat mit langsamen, aber schweren Schritten der Vater in die stille, warme Dämmerung herein. Er setzte sich nicht, sondern ging im Stüblein hin und her. Man merkte ihm an, daß er an etwas arbeitete und nicht recht hinausfand. Da die Mutter mit der Wahl seines zweiten Weibes gar nicht einverstanden war, so stand etwas zwischen ihnen. Was heute geschehen war, hatte ihm auch nicht gefallen; aber die Weiber mußten sich eben ineinander schicken. Und darüber wollte er mit der Mutter sprechen. Doch war das nicht so einfach. Darum fragte er einmal, indem er in seinem Gang anhielt: "Bist fertig worde mit dem Hanf?" Er sagte es aber mit einem Ton, der etwas gut machen wollte.
Sie sagte: "Ja, ja, gut."
Doch Frieder brachte nicht mehr heraus; deshalb fuhr er fort: "Ma' ka', glaub' i, esse, sollst 'runterkomme."
Er ging voraus, die Großmutter und das Jaköble folgten. Als sie in die Stube kamen, deckte Bine eben den Tisch. Die Teller und Löffel klapperten recht vernehmlich. Auf dem Tisch lag ein blau und rot gewürfeltes Tischtuch, das sie mit der Aussteuer gebracht hatte. Die alten weißen, die Marte und auch Frieder gewoben hatten, wurden von der Söhnerin gar nicht benützt. An Stelle der Zinnteller, deren jeder mit dem Namen seines Eigentümers gezeichnet war, standen Emailteller da, innen weiß und außen blau. Die etwas abgenützten Zinnteller stellte Bine nur noch den Hühnern vor, weil nun eben das Zinngeschirr aus der Mode kam und das Emailzeug das Land überflutete. Und jedes Weib, das einen Haushalt anfängt, will natürlich vom Neuesten haben. Bine ließ aber das Alte gar nimmer gelten. Margret war es, sie träte an einen fremden Tisch.
Man setzte sich und aß schweigend, nur das Jaköble konnte sein Plaudermäule nicht halten. "Weißt, d' Ahne hat mir e G'schichtle verzählt, weißt, so e arg, arg schö's: '
"Jetzt gibst dei'm Maul z'esse!" sagte die Mutter und schob ihm den Suppenteller näher hin.
Ein Weilchen hielt es an. Dann begann er wieder: "Und i hab mit dem schöne Schiffle spiele dürfe'. Gelt Vater, i werd' au e'mol e Weber, wie du?"
"Des wolle m'r scho' sehe. Jetzt iß, wie d' Mutter g'sagt hat."
Da stand das Plappermäule still und schubte wie ein Holzmacher. Die anderen schwiegen auch.
Durch die Stille hörte man plötzlich unsichere Tritte polternd die Treppe heraufkommen. Bine öffnete die Stubentüre, damit Licht hinausfallen sollte. Es war die Adlerwirtsmagd. "
Sie wolle fragen, ob Margret morgen im "Adler beim Waschen helfen könne.
"Was hast morge vor?" fragte Margret ihrsn Sohn. I weiß no' net", antwortete er.
"Des Korn in mei'm Wasenacker ist reif, des sollt ma mähe. Aber wege dem ka' d' Ahne gut gehe. Des bringe mir zwei allei' fertig", sagte Bine. Sie betonte das "mei'm" nachdrücklich, tat aber so freundlich sie es vermochte.
"Aha, da will ma' mi' net", dachte Margret und sagte zu der Ma d: "'s ist recht, i komm".
Des ist uns e großer G'falle, gut Nacht!" "
Margret wischte den Löffel früher als sonst und setzte sich still auf ihrem Stuhl zurecht. Da sagte Frieder: "Mutter, schöpf noch e'mol!"
"Vergelt's Gott, i hab g'nug", erwiderte sie. Es fiel ihr dabei ein, daß sie bei fremden Leuten ebenso sage.
Frieder stand auf, holte das Gebetbuch und las den Abendsegen. Es war aber keine Andacht da. Die Gedanken der Tischgenossen flogen nach allen Richtungen auseinander. Frieder stieß oft an, und beim Vaterunser verhielt es ihm einigemal die Stimme. Er hatte Mühe, es nicht zu sehr merken zu lassen. Nun erhoben sich alle. Bine betete vom Essen und räumte rasch den Tisch. Beides floß zusammen, als wäre eines wie das andere. Jaköble sprang hinter dem Tisch vor und gab der Ahne einen festen Patsch. Mit einem kurzen "Gut Nacht!" ging diese hinaus.
Die Söhnerin erwiderte den Gruß nur obenhin.
"Gut Nacht, Mutter!" sagte warm ihr Sohn, und es war ihr eine wohltuende Gewißheit, daß in seinem Herzen doch noch guter Boden für sie war. Ach, wenn er doch ihr gefolgt hätte! Aber nun war es zu spät '. .
Am anderen Tag ging Margret in den "Adler , den Schaffschurz in der Hand zusammengewickelt. Dort stellte sie sich an den Waschzuber und schaffte wie ein Feind. Die Adlerwirtin trug ihr gut auf. Sie wußte wohl, daß sie da, wo Margret stand, das Geld für eine zweite sparen konnte.
Frieder und Bine gingen in die "Wasenäcker", das Korn zu mähen. Schweigend hieben sie zu. Auch die Bine hatte das Mähen los, das mußte man ihr lassen, obwohl sie eigentlich keine starke Person war; aber sie hatte einen "Schick" dafür. Und als sich beide so im Gleichtakt einen Weg in das hohe Kornfeld hineinbahnten und ringsum alles voller Erntesegen wogte und schwankte, taute sie ein wenig auf.
"Den Acker hat mei' Vater vom Arme'schreiner 'kauft. Aber net d' Hälfte hat er 'trage, was jetzt", sagte sie.
"Ja, bei dem hat's net gehe wolle."
"Ma' muß au e Bauer sei", antwortete Bine überlegen. "Wie der Acker verwahrlost ausg'sehe hat! In d'r Mitte hat ma' g'mei't, d'r Teufel hab d'rauf z' Mittag 'gesse und hab 's G'schirr stehe lasse - so ist alles voll Felse g'wea. Mei' Vater hat's 'rausg'sprengt. D' Hauptsach sei halt, wie ma's umtreibt, sagt er immer."
"D'r Arme'schreiner hat halt wenig umz'treibe g'habt", warf Frieder ein.
"Zugreife, wo's gilt!" fuhr Bine mit Betonung fort. "Zwei Stückle Vieh müsset Hunger leide, vier habet , übrig, des ist au e Spruch von mei'm Vater, und 'em Äckerle muß ma' grad so z'lieb laufe wie 'em Acker.
Frieder hörte aufmerksam zu. Sein Weib ging auf ein Ziel los, das er noch nicht sah. Aber was sie sagte, hatte einen Schlag.
Sie hatten indessen immer tüchtig zugemäht. Nun ließ sie das Habergeschirr sinken und sagte, noch wärmer werdend: "Wenn du mei'm Vater e guts Wörtle gibst, kriege m'r im Frühling no' e Kuh, e rechte Schaffkuh, no' könntest, bald d'r Schnee weg ist, dei' Sach selber dunge und schaffe und müßtest net die teure Fuhrlöh' zahle."
Er hatte auch aufgehört zu mähen und sah nachdenklich zu Boden. Das war so. Er mußte dem Schimmelbauern manchmal dreißig bis vierzig Lvlark geben. Aber um diese Zeit hat er jedes Jahr noch gewoben. Dann müßte er ja - er wagte den Gedanken gar nicht durchzudenken. Vor seiner Mutter glaubte er damit nicht bestehen zu können. Aber es schien ihm doch nicht unmöglich, daß ihm eine bessere Zukunft aufstehen könnte, und es war eine ausgeglichene, zufriedene Stimmung zwischen den beiden.
"Komm, i will dir e'mol wetze", sagte Frieder in bester Laune und wetzte ihr die Sense, daß es weithin klang.
Bine lobte den Schnitt. Wenn er wetze, dann haue es wie Gift, sagte sie.
So kamen sie nach und nach an die Anwand und blickten beide mit Wohlgefallen den Acker hinunter. "Des gibt vielleicht achtz'g Garbe"', sagte sie mit Genugtuung und schüttelte die Anwandmahden, die auf einen Feldweg stießen, sauber zurecht.
Auf dem Heimweg ging eine eifrige Unterhaltung zwischen ihnen hin und her, und in der freundlichen Wärme, die dabei in ihren Herzen auflebte, sah alle Welt um sie her verheißungsvoll aus. Frieder war es, Mauern zwischen ihnen seien zusammengefallen und er sei seinem Weib um vieles näher gekommen. Da mußte es auch mit seiner Mutter vollends ins reine kommen.
Sie waren nun in der Nähe des Dorfes und hörten den Lindenschmied eifrig an einem Schuppen hämmern. den er als Unterstand für seine Dampfdreschmaschine baute, mit der er seit einigen Jahren den größeren Bauern in Burrenhardt und Umgebung drosch.
"Der treibt 's Handwerk no' stärker um", sagte Frieder. "Er hat sogar 'en Acker verkauft, daß er sei' Dreschmaschi' hat a'schaffe könne: '
"So e Handwerk ist 'was anders", erwiderte Bine, wie , im, Spasse aufbegehrsnd. "Der schmeckt de neu' Zeit hat mei' Vater g'sagt, wo bloß no d' Maschine gelte. 's komm e'mol so weit, daß ma' die schaffe lass und d'r Ma' steh' danebe hi' und schieb' d' Händ in Sack, d'r Lindeschmied verdien' Geld wie Laub mit seiner Maschi'. In e paar Tag soviel wie du im ganze Winter mit deiner Weberei: '
Frieder wußte nicht gleich etwas zu entgegnen. Er nahm umständlich sein Habergeschirr von der linken Schulter auf die rechte und sagte nur: "Ja, wenn einer so Glück hat!"
Da sprach Bine mit freundlich überredender Stimme: "Guck, i hab's auf 'em Acker scho' sage wolle, guck, d' Weberei rentiert se nimmer heutigstags."
"Aber e sichers Winterg'schäft bleibt se", fügte er entschieden bei.
Unterdessen waren sie an der Linde vorbei ins Dorf hineingekommen. Da hörte das Gespräch von selbst auf. Sie wünschten den Leuten da und dort die Zeit und waren bald zu Hause. Die geschlossenen Lädlein des Webgadens blickten armselig zu Frieder herüber. Es gab ihm zu denken, was ihm die Bine heut gesagt hatte. Aber, aber! - Nun, dachte er, man bleibt einmal im Tag.
Das Wetter hatte endgültig umgeschlagen. Eine heiße Augustsonne stand wochenlang am sommerblauen Himmel. Die Ernte war im stärksten Gang. Das gab lange Tage und kurze Nächte, eilige Füße und unermüdliche Arme. Die Leute holten das letzte aus sich heraus, die große Zeit des Jahres zu zwingen.
Auch bei 's Webers Frieder ging die Arbeit gut vonstatten. Schwieger und Söhnerin arbeiteten mit verdoppeltem Eifer. Jede wollte es der anderen zuvortun. Die Junge sah wohl den sicheren Griff der Alten und diese den Eifer der Jungen. Aber keine ließ es die andere merken, und sie gönnten einander kein Wort mehr, als nötig war. Widerwillig spürte jede in der anderen einen Wert, der sie zur stillen Achtung zwang, den sie aber um alles in der Welt niemand eingestanden hätten. Um so mehr suchte Frieder nach geschickten und guten Worten für beide, besonders aber für die Mutter. Doch gelang es seiner schwerfälligen Art nicht immer zum besten. Denn wenn einer zwei Weiber zusammenführen will, besonders eine junge und eine alte, die nicht zueinander passen, muß er mehr besitzen als die Weisheit Salomos. Und dahin hatte Frieder noch weit.
Ihre bescheidene Ernte war bald unter Dach und Fach. Margret ging wieder in den Taglohn. Dann stieg sie abends gleich in ihr Stüblein hinauf und ließ sich bei den Jungen tagelang nicht mehr sehen. Es war ihr, sie müsse Kräfte sammeln; denn der Boden schien ihr langsam unter den Füßen weichen zu wollen. Jaköble war immer gleich bei ihr, wenn sie heimkam. Auch Frieder besuchte sie manchmal vor dem Bettgehen; aber oft geschah das nicht, die Tagesarbeit heischte alle Kräfte; und abends war man müde.
Mit dem Schwiegervater stellte sich Frieder gut. Er half ihm manchen Wagen voll nach Hause bringen. Damit legte er große Ehre ein. Das Geschäft ging ihm aus der Hand; das hatte er von seiner Mutter. Sonntags gingen sie dann miteinander zum Bier. Der Schwiegervater zahlte.
So kam der Herbst. Man ging schon in die Kartoffeln. Da war auch der Hanf auf dem Wolfbühl rösch zum Brechen. Margret raffte ihn zu kleinen Bündeln zusammen. Frieder kam mit dem Wagen und führte ihn heim. Der folgende Tag war Brechtag. Margret hatte es wichtig, das war ihr Tag. Auf der Brechstatt regierte sie, vollends bei ihrem eigenen Hanf.
Es gab einen Frühauf. Margret war die erste. Sie half emsig in Stall und Küche mit. Jedoch die Söhnerin hatte nicht den besten Hut auf. Sie ging mürrisch und schweigsam der Morgenarbeit nach. Es pressierte ihr schon gar nicht, und sie übersah es, wenn ihr die Schwieger in die Hand schaffen wollte.
Nun wurde der Wagen gerichtet, der Hanf und das Darrgatter aufgeladen, Holz, eine große Gölte Wasser und der Löschbesen. Die Söhnerin sah unfreundlich dem Treiben zu, und ihr stiller Widerstand wuchs. Aber mitgehen und mithelfen mußte sie, wenn es ihr auch gegen den Strich ging.
Man fuhr ins Brechhölzle hinaus. Es war ein kalter Herbsttag. In der Nacht war starker Reif gefallen, der frostig an allen Bäumen, Sträuchern und Gräsern hing. Ein kalter, unlustiger Nebel, mit dem die Sonne gar nicht fertig zu werden schien, hing träg in der Luft. Der Schimmelbauer, mit einer Ladung Haber nach der Stadt unterwegs, überholte den Hanfwagen noch mitten im Dorf. Die junge Schimmelbäurin saß auf dem obersten Sack; sie hatte ihre Herbsteinkäufe in der Stadt zu besorgen. Das war doch ein ander Ding, als mit dem langweiligen Hanf herumzukutschieren und im Brechhölzle nachher schier an den Boden zu gefrieren, dachte Bine mißmutig auf dem Wagen droben, der so langsam in den Nebel hineinkroch.
Nun war man im Brechhölzle. Zwischen hochragenden Buchen lagen die drei Brechlöcher, längliche Gruben, auf drei Seiten eingemauert, auf der vierten offen. Die Ummauerung ragte noch über den Boden heraus. Man lud den Wagen ab. Jaköble sprang mit einem kecken Satz herunter auf den weichen Boden, dem eine federnde Decke aus den Hanfüberresten auflag, die hier die Jahre hindurch abgefallen waren.
Inzwischen rückten auch die Brecherinnen an, meist ältere Weiber, die noch Hanf bauten und einander beim Brechen aushalfen. Es gab ihrer nicht mehr viele im Orte, und von den drei Brechlöchern, die einmal alle zusammengeraucht hatten, waren zwei längst halb verschüttet.
Die Weiber stellten ihre Brechen, die sie teils auf der Schulter getragen hatten, ab und setzten sich auf ihnen im Halbkreis um das Brechloch herum.
Jaköble brachte den Mund nicht mehr zu. Er hatte einen mächtigen Stolz, daß der merkwürdige Tag so viele Leute bei ihnen zusammenbrachte. Und die Ahne hatte es an ihrem Feuer, das sie eben angezündet hatte, so wichtig wie nie. Da durfte er nichts hinauslassen.
Der Vater war mit dem Vieh heimgefahren. Margret legte das Darrgatter über das Feuer des Brechloches und breitete Hanf darüber aus, um ihn vollends zu "darren".
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| Bild: Brechstuhl. |
Auf den Wiesen vor dem Gehölz lag indes noch der Reif wie Schnee, und die Wärme, die aus dem Brechloch aufstieg, vermochte die Brecherinnen noch nicht recht aufzutauen. Da hieß Margret ihre Söhnerin ein Schnäpslein herumreichen. Darauf hatte sie immer gehalten. Gleich stellte sie auch den großen "Sutterkrug" in die Nähe des Brechlochs, damit der Most bis zum Vesper ein wenig angewärmt sei. Bine ging mit dem Schnapsgläslein in der Runde herum. Jaköble hielt das Fläschlein. Mit einem "Großdank!" nahmen die Brecherinnen einen Schluck. Nun hauchten sie noch einmal in die Hände, rieben sie aneinander und setzten sich auf dem bankartigen Sitz der Breche zurecht. Margret nahm einen Arm voll Hanf, der rösch genug war, vom Darrgatter herunter und reichte ihn Bine, die jede der Brecherinnen eine Handvoll nehmen ließ. Und nun schlugen sie los. Mit der Rechten packten sie den Griff und rissen den Rachen der Breche weit auseinander. Der Oberkiefer hatte zwei, der Unterkiefer drei lange Holzmesser. Die Linke umfaßte den Hanf an den Köpfen und schwang ihn, weit nach vorn und rechts ausholend, in den geöffneten Rachen herein. Nun ließen sie die Breche zubeißen, eiiimal ums andere. Erst war's nur ein dumpfes Geklopfe, aber ganz im Takt, eins, zwei, eins, zwei. Die Arme mußten ordentlich herhalten, denn der Hanf leistete den ersten Angriffen hartnäckigen Widerstand. Dann aber knackte es laut. Die spröden Stengelteile splitterten krachend ab und prasselten zu Boden. Immer und immer wieder ließen die Weiber ihre Brechen auf- und zuklappen, immer tiefer bissen die Kiefer ineinander, bis alles Holzige zusammengebrochen war und die Hanffasern, das Werg, sich geschmeidig zwischen den Messern durchziehen ließen.
Bine hatte die Aufgabe, das Werg den Brecherinnen abzunehmen und sie wieder mit Hanf zu versehen. Indessen waltete Margret wie eine Priesterin ihres Amtes am Feuer. Wenn der seitlich und vorn angelehnte Hanf vorgewärmt war, legte sie ihn mit kundiger Hand auf die Darre. Ab und zu warf sie wieder ein Scheit ins Feuer, es wach zu halten. Es war eine heikle Geschichte, dem Feuer seine richtige Stärke zu erhalten. Jetzt züngelte eine Flamme zu keck nach oben, da tauchte sie den Löschbesen ins bereitstehende Wasser und gab damit dem ungebärdigen Feuer einen Dämpfer. So mußte sie die Augen in steter Angriffsbereitschaft offen halten, mit sicherem Griff immer das Rechte zu tun. Dabei behielt sie die Brecherinnen im Auge, denen die Söhnerin Hanf nachbieten mußte.
Bine besorgte ihr Geschäft mit Unlust. Sie schnitt ein hochmütiges Gesicht, und man sah es ihr an, daß sie nicht bei der Sache war. Das gefiel den Brecherinnen übel, und es kam nicht zu jener heimeligen Stimmung, die immer auf der Brechstatt geherrscht hatte, wenn der warme Hauch des Brechlochfeuers darüber lag und das lebhafter werdende Gespräch wie eine trauliche Melodie durch das gleichmäßige Knacken und Krachen der Brechen floß.
Am meisten mißfiel es Margret. Sie sah immer unmutiger dem gleichgültigen Tun zu. Auch die Wergstücke legte Bine nicht mit jener Sorgfalt zusammen die man dem kostbaren Gewächs schuldig war, und eben sah" die Fuchsenbäurin, deren Breche schon eine Weile still stand, ungeduldig nach Hanf herum. Da fuhr die entrüstete Margret in scharfem Flüsterton die Söhnerin an: "Siehst denn net, daß Hanf fehlt? Steh doch et hi' wie 's Kind zum Dreck!"
Da blickte Bine bös herüber und zischte der Schwieger zu: "I bi' fei' konfirmiert!",
Das Gespräch der Brecherinnen war geschwind verstummt. Sie hatten die beiden wohl verstanden. Schweigend klopften sie aber weiter. Es war ein Glück daß die Evam'rei dabei war, die ihr nimmermüdes Mundwerk bald wieder munter spazieren gehen ließ und die schwüle Stille laut zudeckte.
Jaköble, den der Ton der kurzen Auseinandersetzung erschreckt hatte, setzte sich ein Weilchen still neben das Brechloch. Dann fragte er die Ahne: "Darf i au e'mol Holz ins Feuer werfe?" Sie erlaubte es ihm und er warf lustig, ohne daß es die Ahne recht bemerkte, gleich drei dicke Scheite ins Feuer, das begehrlich nach ihnen leckte.
Zischend flackerte es auf und wuchs mehr und mehr. Noch ein Scheit! Nun züngelte das Feuer nach dem ausgebreiteten, prasseldürren Hanf. Die Ahne sah es nicht. Ihre Freude an dem schönen Brechtag, der immer wie eine Art Fest in ihrem Kalender gestanden war, hatte ein großes Loch bekommen, und sie blickte immer unzufriedener und fast feindselig der Söhnerin nach, die auch jetzt keinen Zug tun wollte.
Da schoß die Flamme plötzlich durch den ausgebreiteten Hanf hinauf. Er brannte lichterloh zusammen. Jaköble sprang erschrocken zur Seite, die Brechen standen mit einemmal still; die Weiber blickten besorgt, und einige richteten sich ängstlich auf. Bine erschrak auch, doch rührte sie keine Hand. Aber Margret packte mit raschem Griff das Darrgatter, warf es mit dem brennenden Hanf blitzschnell auf die Seite und schlug mit dem Löschbesen einigemal darauf los. Da war das Feuer schon erstickt. Dann aber tunkte sie kräftig in die Wassergölte ein und begoß das übermütige Feuer im Brechloch so ausgiebig, daß es armselig zusammen-: sank. Daraufhin legte sie das Darrgatter wieder über. "
"Jaköble, du hast z'viel Holz nei g'worfe, wart! sagte sie ablenkend mit erhobenem Zeigfinger. Das Männlein erholte sich wieder von seinem Schrecken, blieb aber in gebührender Entfernung. Bine triumphierte. Sie blickte schadenfroh zur Schwieger hinüber, und ihr Blick sollte zweifellos sagen: "Da hast 's, du Siebemolg'scheite und G'schickte!"
Die Weiber setzten ihre Brechen wieder in Bewegung, und die Evam'rei erzählte, wie beim Brechen einmal der Wald angegangen sei und die Feuerwehr habe ausrücken müssen. Es sei allerdings schon lange her. Ihr Vater, der Spritzenmeister gewesen sei, habe es ihr erzählt.
"Jetzt geht nix mehr a'!" warf die Fuchsenbäurin ein, wege dene paarmol, wo im Brechloch no' Feuer brennt."
"Ja, ja, 's Spinne und 's Webe kommt voll ganz aus d'r Mode", sagte die Evam'rei; "wer überhaupt no' 'en Hanf baut, läßt in d'r Spinnerei und Weberei schaffe. Und 's Hanfe selber kommt au voll ab."
"No' kauft ma' bloß no' des baumwollene Fabriklumpezeug, wo in drei Tag' d' Fetze vom Leib 'runterhanget", sagte Margret grimmig und gab dem Feuer, das schon wieder keck werden wollte, einen kräftigen Dämpfer. Dabei blickte sie nach Bine und ihren Kleidern.
Diese wollte nun ihrem Unmut Luft machen und gedachte, den alten Weibern einmal eines auszuwischen, sonderlich der Schwieger. "Des ist gar net so schlecht. Und mei' Lebtag ins gleiche Häss) nei'stehe, des möcht i net", warf sie ein.
Margret fühlte den Treff wohl; deshalb fuhr sie los: "Aber g'spart hat ma' dabei und ist doch kleidet g'wea, und des gut. Aber spare könne de Junge nimmer. Do wirft ma' alles weg, was net neumodisch ist, und watet im Geld um, wie d' Henne in d'r Miste."
Jedoch die Söhnerin warf ihr's über ein Haus hinüber und erwiderte: "Ach was, mit eurem Spinne habt ihr kaum 's Ül zum Licht v'rdient. D' Spinnerei schafft billig."
"Was ma' ausgibt, hat ma' nimmer. So hat's bei uns g'heiße!"
"Des kommt sonst wieder 'rei', und 's gibt no' g'nug z'schaffe, für d' Weiber in d'r Haushaltung", entgegnete Bine überlegen, aber gereizt. "Ma' muß d' Maschine schaffe lasse, sagt mei' Vater. Früher hab' ma' 'en Strohstuhl g'habt zum Futterschneide' - und jetzt e Maschi'. Früher hat ma' alles 'drosche, jetzt kommet überall Dreschmaschine auf, die in ei'm Tag mehr schaffet als vier Drescher in vierzehn, und Zeit ist au Geld." - So predigte mit wachsendem Eifer die Junge den Alten, deren Brechen auf einmal merklich langsamer gingen, als würden ihre Gedanken irgendwohin gerissen, wohin sie sich sperrten zu gehen. Manche dachte im stillen, es sei schon etwas Wahres daran. Jedoch, es stach sie, daß ihnen die Junge geschwind alles über den Haufen werfen wollte, wonach sie ihr Lebtag gelebt und gearbeitet hatten. Das Kalb wollte wieder klüger sein als die Kuh. Die Bine sollte erst einmal dreißig Jahre lang hausen, dann würde sie schon gescheiter werden. Dem mußte die Margret Ausdruck geben: "Und i bleib dabei, 's Selbstg'sponne und 's Selbstg'wobe' ist 's Best, was gibt, und über des geht nix. Und so lang i gilt, bleibt's beim alte, wird Hanf 'baut, g'sponne und g'wobe!" Sie warf es hin wie einen Trumpf, der nicht mehr zu überstechen war, und die Weiber bestätigten ihre Rede und klopften weiter.
Bine wollte sich aber der Schwieger nicht geben, und in aufgerichteter Haltung warf sie ihr noch hin: "I bi' au no' da!" Das klang hart und scharf wie eine Kriegserklärung. Die Schwieger erschrak; doch wollte sie es nicht merken lassen. Sie zwang sich und sagte nichts mehr und nahm den letzten Hanf von der Darre, in ihrem Gesicht und in jeder Bewegung die unberührte Sicherheit einer, die ihren Weg weiß und sich von niemand am Zeug flicken zu lassen braucht. "Nimm 's Werg z'samme und lad auf"! kommandierte sie kurz, die Söhnerin; "und laß die Weiber no' e'mol trinke, 's ist no' was im Krug!"
Bine lud auf und reichte den Krug herum. Die Brechen taten ihre letzten Schläge, und man richtete sich zuxn Heimgehen.
Indessen kam Frieder wieder mit seinen Kühen an. Man lud vollends auf.
"I mach' e'mol mein' Dank!" sagte Margret zu den Weibern. Wenn ihr brechet, bin i au da." Darauf gingen die Weiber. Frieder, Bine und Jaköble saßen schon auf dem W agen.
"Komm rauf, Mutter!" sagte Frieder.
"Fahr no' zu, i lauf", sagte sie. Da sprang Jaköble vom Wagen, faßte die Großmutter an der Hand und sagte: "Ahne, i lauf mit dir!"
Der Wagen fuhr an. Bine sprach kein Wort. Da fragte Frieder: "Was ist denn passiert, daß du kei' Wörtle sagst?"
"Passiert? Ma' köt glaube, i sei bloß d'r Gutg'nug im Haus!"
"Ha, weißt doch, daß ihr d'r Hanf arg wichtig ist."
"Se braucht mi aber net 'runterputze wie e Magd. Des muß aufhöre"! sagte Bine entschieden.
"I will e'mol schwätze mit 'r", sagte er bedächtig. "Du mußt di aber au e bißle gebe."
"So gibt's kei' Z'sammehause", sagte Bine scharf, daß Frieder erschrak.
Unterdessen kamen sie nach Hause. Der Kamin rauchte schon . . .
Margret hatte das Essen gerichtet und aufgetragen; alle ihre Bewegungen waren rasch und sicher; den Mund hatte sie streng geschlossen. Sie wollte es nicht machen wie in den letzten Wochen und sich in ihr Stüblein verkriechen. Sie wollte da sein, wo sie schon lange vor der Söhnerin gewesen war und etwas gegolten hatte, und dem alten Geist ihres Hauses zäh den Platz hüten. Die neumodische Junge würde sonst rückwärts hausen. Was nützten dann die Äcker und Wiesen, die sie gebracht, wenn sie nicht sparen konnte. Das Weib kann mehr zwischen den Händen verzetteln, als der Mann mit dem Wagen einführt. Wenn das Weib aber haust und spart, wächst der Speck an den Balken. Das ist eine alte Sache.
Nach dem Essen sagte Margret, sie müsse in den "Adler", aber gleich, man sollte für sie das Losen im Backhaus besorgen und dort kehren; man müsse selbst ein Los nehmen, da der letzte Laib in der Schublade liege.
"I muß aufs Rathaus", sagte Frieder, "no ka's d' Bine b'sorge."
"Und i muß spüle"', sagte diese kurz angebunden und räumte klappernd das Geschirr auf dem Tisch zusammen. "Des geht nebeher", fuhr Frieder fort.
"I hab' net als Backmesnere daher g'heiratet", er widerte Bine entschieden.
"Aber au net als Gräfe!" warf ihr Margret entgegen. "Und wenn du in Gold ei'g'wicklet wärest, zu dem G'schäft wärest no' lang net z' schö' und für de eige Haushaltung brauchst ja heut au e Los."
Bine fuhr herum und schoß wütende Blicke auf die Schwieger. Das Gewitter, das den ganzen Tag schon gewetterleuchtet hatte, wollte losbrechen; aber Frieder stand, indem er den Stuhl laut zurückschob, rasch auf und faßte Bine scharf ins Auge. Es war einen Augenblick schwüle Stille in der Stube. Dann hieß er Jaköble zum Ähne gehen und fragen, ob er auch aufs Rathaus komme. '
Als der Kleine draußen war, gab sich Frieder einen Ruck und sagte: "Des G'streit muß e'mol aufhöre. Des sag i!" Er mußte seine Mutter dabei ansehen. Die maß ihn aber mit erstaunten Augen, als wollte sie sagen: "Für wen schaff' und sorg' i jetzt über dreiß'g Jahr? Du hast gege mein' Wille die daher 'bracht."
Da wandte er sich zu Bine und sprach verweisend: "Und du mußt dra'denke, daß du dreiß'g Jahr jünger bist als mei' Mütter."
"I ka' ja wieder heim zu mei'm Vater", warf patzig und gereizt Bine ein.
"Davo' ist kei' Red. I hab di immer in Ehre g'halte, und dabei soll's bleibe!"
Dagegen konnte Bine nichts einwenden.
"I b'sorg' mei' Backhaus selber", sagte Margret und ging. Mit dem Besen in der Linken und die große hölzerne Losbüchse an den Leib gepreßt, schritt sie dann dem Backhaus zu, das in geringer Entfernung von ihrem Haus neben der Hüle stand.
Sie war etwas spät daran. Schon stand ein Dutzend Weiber in der schwarzberußten Backstube; hinter ihnen gähnten die dunklen Ofenlöcher, und aus dem Kaminschoß hingen lange Rußfetzen herab. Zwölf nur durften backen im Tag, in jedem Ofen sechs. Da mußte also eine hinausgeschoben werden. Margret schüttelte die braunen Loszettel aus ihrer Büchse heraus, entfaltete sie und überzeugte sich, daß alle zwölf vorhanden waren. Dann legte sie noch einen unbeschriebenen dazu, faltete wieder alle zusammen und schloß sie in ihre großen Hände ein. In atemloser Stille standen indessen die Weiber um den Tisch herum, damit man den Einuhrschlag auf der Kirche wohl vernehmen konnte. Nun schlug es die vier Viertel. Margret hob nach alter Gewohnheit die Hände ein wenig hoch, schüttelte die Lose darin, und mit dem Schlag warf sie dieselben breitgesät auf den Tisch. Hastig griffen die Weiber darnach; erst oder letzt zu werden, galt als großer Vorteil, damit nicht der ganze Tag durch die Backerei verdorben war. Margret griff nach dem Los, das übrig geblieben war. Es war das blinde. Also ausgeschlossen und hinausgeschoben! In der Erregung, in der sie sich noch befand, schien es ihr eine besondere Bedeutung zu haben. Hatte sie nun ihr Los geworfen? Oder galt es der Söhnerin?
Sie griff rasch nach der Tafel und schrieb die Namen der Weiber in der Ordnung auf, die das Los bestimmt hatte, und hängte die Tafel zur öffentlichen Einsichtnahme neben dem Fenster auf. Die Weiber eilten nach Hause. Margret kehrte noch zusammen und ging dann dem "Adler" zu.
Der häusliche Streit war wohl zu Ende gegangen; aber es war kein Friede, sondern nur ein Waffenstillstand. Doch er hielt lange. Die beiden hüteten sich vor Zusammenstößen, waren aber mehr als je entschlossen, nicht nachzugeben. Und immer mehr sammelten sich die Kräfte gegeneinander.
Auf dem Herbstmarkt kaufte die Söhnerin gerade recht reichlich ein, einige Schürzen, einen Jackenstoff, ein Paar Zeuglesschuhe und eine weiße Halskrause. Frieder tat den Beutel auf und zahlte. - "Wie wenm ma' g'nug hätt"', dachte Margrst, und sie kam sich vor wie auf Posten in Feindesland. Es fiel ihr immer ein Spruch ihres Marte ein. "Wenn d' Bettelleut auf de Gaul kommet, no' reite' se 'n z'tot: ' Davor wollte sie ihren Frieder bewahren.
Man hatte alles eingeschafft. Nun begann das Dreschen. Aus allen Scheunentoren klang das nachdrückliche Klopfen. Da und dort war es nur ein träger Zweitakt, der schier in sich selbst erstarb. Schon besser ging der Dreitakt. Und wo gar vier, fünf oder sechs "Pflegel" auf- und niedergingen, war man lustig und guter Dinge, und die Körner spritzten umher, daß es eine Freude war. Die großen Bauern nahmen die Dreschmaschine. Das gab ein Stück. Tausend Garben und mehr noch ließ man an einem Tag herunter. Der Weberfrieder gehörte zu denen, die noch alles droschen. Nun, er hatte nicht zuviel. Aber trotzdem sah Bine schon die Zeit voraus, wo auch in ihrem Hofe einmal der Kessel dampfen und die Maschine wettern sollte.
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| Bild: Schwenkstock. |
Indessen saß hier an schönen Oktobertagen die Schwieger noch am Schwingstuhl und hieb mit einem breiten, geraden Holzsäbel, dem Schwingmesser, an dem Werg hinunter, daß die letzten Holzreste und die kurzen, wenig wertvollen Fasern herunterflockten.
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| Bild: Hechel. |
Nachdem dann ihr Frieder, der auch Hechler war, das Werg durch die Hechel gezogen hatte, konnte sie mit Spinnen anfangen. Schon als man noch drosch, ließ sie abends das Rädlein surren und spann noch eine Spule. Die Söhnerin machte die Küche fertig, nähte und strickte. Frieder las die Zeitung. Wenn er nicht hie und da etwas laut vorlas, war es meist still in der Stube. Die beiden Frauen sprachen nur das Nötigste miteinander; was darüber hinausging, richteten sie an Frieder. Wenn die Jungen ins Bett wollten, nahm Margret Kunkel und Spinnrad in ihr Stüblein hinauf und spann dort noch weiter, oft im Mondschein, um das öl zu sparen. Aber sonst ließ sie sich nicht aus der Stube vertreiben; namentlich als ausgedroschen war und sie den ganzen , Tag spinnen konnte.
Da ging ihr flinkes Rädlein unermüdlich und schnurrte sein altes einförmiges Liedlein, und der kräftige, aber gleichmäßige Faden legte sich immer dichter um die Spule, bis die kreisenden Flügel stockten.
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| Bild: Spinnrad mit Kunkel |
Dann holte sie den Haspel, das Gesponnene von der Spule zu einem "Schneller" abzuhaspeln. Wenn der Haspel auf den Tisch kam, machte die Söhnerin schweigend, wenn auch ungern Platz.
Beim Haspeln durfte Jaköble nicht fehlen. Er kniete auf dem Tisch und paßte mit angehaltenem Atem auf den Schnapper, den es tat, wenn es 100 Fäden waren. War das Haspeln vorbei, so setzte er sich wieder vor das Spinnrad und sah dem springenden Rädlein zu, bis ihn die Mutter ins Bett trieb.
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| Bild: Zettelrahmen. |
Nachdem Margret abgesponnen hatte, holte sie das Spulrad herunter. Das war für Jaköble wieder ein Ereignis. Neugierig untersuchte er die seltsame Maschine. Er trieb an und ließ das große Schwungrad springen. Das war eine Lust. Nun mußte Margret das Garn von den gehaspelten "Schnöllern" auf die großen Zettelspulen herüberspulen. Die linke Hand leitete den Faden. Mit leichten Schlägen der Rechten an den Triebel hielt sie das Rad im Gange, daß die alte Maschine wackelte und der ganze Stubenboden leise bebte.
Wenn das Spulrad knarrte und draußen die Schnee' flocken tanzten, wenn im Webgaden drunten die Lade schlug und im Ofen die Bratäpfel schmorten, dann fühlte Margret den alten Pulsschlag des Weberhauses, gehütet von der heimeligen Traulichkeit des Winters. Nur Bine tappte darin herum wie ein verirrter Vogel, der sich im fremden Nest ungebärdig zurechtzufinden sucht. Sie ging daher mit der Näharbeit "z' Stube" zu ihrer Mutter, zu Verwandten und Nachbarn, und Margret war oft allein. Dann erst war es wie vor zwanzig und dreißig Jahren, als sie ihrem Marte noch spulte, und sie meinte, nichts liege dazwischen und sie spulte an den alten Fäden, aus denen der Marte das bescheidene Glück ihres Hauses zusammengewoben hatte.
Auch sonst ging Margret im Haus hin und her, als sei eigentlich nur sie da. Die Söhnerin kam in den täglichen Geschäften unbemerkt unter ihre Führung. Sie schien dabei nicht zu beachten, daß Bine zu allem schweigend nein sagte.
Nun rückte gar die Zettelrahme an, ein aufrecht stehender, zusammenlegbarer Haspel. Seine Achse stand mit dem Fuß in einer flachen, eisernen Hülse am Boden und steckte mit der Spitze in einer hölzernen an der Zimmerdecke. So nahm das Ungetüm beinahe die ganze Stube ein, und die Stühle, Bänke und der Tisch hatten hinausgeschafft werden müssen. Bine war es gewesen, als ob die Schwieger auch sie hätte hinausräumen wollen. Sie raffte unmutig ihr Nähzeug zusammen und ging davon. Die Tür fiel dabei laut ins Schloß.
Bedrückt schaute Frieder ihr nach und ging dann in den Webgaden, den Webstuhl zu richten. Die Arbeit lief ihm nicht von der Hand. Wie gerne hätte er sich auch einen dauerhaften Hausfrieden zusammengewoben! Aber "Zettel" und "Schuß" gingen nicht zusammen; die Mutter und Bine vertrugen sich nicht. Sie meinten es gut mit ihm, jede in ihrer Art, aber sie guckten aus ganz verschiedenen Augen in die Welt.
Margret war indessen in hingegebenem Eifer am Geschäft. Sie gab der Zettelrahme einen Stoß, daß das sanderbare Ding anfing, sich wie ein Karussell im Kreise zu drehen. Dabei legte sie mit der Hand den "Zettel", die zusammengefaßten Fäden der zwanzig großen Zettelspulen, die urn dünne eiserne Stänglein eines Gestelles liefen, in bestimmter Ordnung um die Zettelrahme, die sie durch gleichmäßige Stöße im Rundtanz erhielt. Wie ein lautes Fuhrwerk rasselten die großen hölzernen Spulen, von denen sich die Fäden abwickelten.
Jaköble starrte und staunte das kreisende Wunder mit großen Augen an. Alles ging mit ihm im Ring herum, die Stube und alles, was in ihr war. Er hätte nur auch dahineinstehen, die Zettelrahme tanzen und die Spulen so lustig springen lassen mögen.
"Wenn du e'mol groß bist", tröstete die Ahne.
"Ja, no' laß i taused-taused Spule 'rumspringe'", sagte er feurig.
"Ja, ja", erwiderte lächelnd die Ahne und dachte: ,;'s ist dir 'zählt, Büble".
Nun war der Zettel fertig. Die zwanzig langen, langen Fäden lagen schön geordnet um die Zettelrahme herum. Nun nahm Margret den Zettel von der Rahme herab, während sie ihn sorgsam zu einer dicken Kette flocht, damit die Fäden sich nicht verwirren sollten. Die Zettelrahme war wieder leer, und nun durfte das Jaköble hineinsitzen und ein wenig Karussell fahren. Die Ahne gab ihr von Zeit zu Zeit einen leichten Stoß und sang dazu:
Ha, war das ein Fest!
Nun mußte der Zettel, Faden neben Faden, in Tuchbreite dem großen Weberbaum aufgewunden werden, der mächtig in den beiden kräftigen Pfosten hinten im Webstuhl hing. Bine war unterdessen heimgekommen. Frieder rief ihr in den Webgaden. Der Nachbar, der Schmiedhannes, war schon da, um auch zu helfen.
"Nur fest!" sagte der Schmied zu Bine, als sie beinahe fertig waren. "Da mußt no' oft 'rumtreibe', bis du soviel Elle auf den Baum 'naufg'wunde' hast wie dei' Schwieger."
"Ma' ka' de' Fade au vorher abschneide'!" sagte Bine kurz und ging der Küche zu, nachdem man vollends fertig geworden war. Der Schmied wußte mit dieser Antwort nicht viel anzufangen, er lachte leichthin und verließ den Webgaden. Frieder dankte ihm. Dann ging er langsam um den Webstuhl herum und strich über das schön gewickelte Garn am Weberbaum . . . Der Zettel zu dem Tuch seines häuslichen Lebens wollte sich gar nicht glätten, so sehr er auch schlichten und bürsten mochte!
"I will heut mittag glei a'drehe, ma' muß de alte und de nuie Fäde z'sammebinde, sonst kriegt 's Handwerk e Loch!" sagte Margret bedeutungsvoll.
Da nahm Frieder den Weberbaum heraus und trug ihn in die Stube hinauf. Und nach dem Mittagessen "drehte" Margret "an". Da sie für den Weberbaum und das "Geschirr" Platz brauchte, hatte sie die Stube wieder auf den Kopf gestellt. Die Söhnerin wich aus und ging zu ihrer Mutter.
Sorgsam aber legte Margret beim Andrehen die Fadenenden des neuen Zettels und die im Geschirr gebliebenen vom alten aufeinander, machte den rechten Zeigfinger naß, tunkte ihn in die Asche und drehte die Fäden mit Zeigefinger und Daumen so fest zusammen, als müßte sie ihren Sohn, seine Kinder und Kindeskinder bis ins fernste Glied mit der Weberei zusämmen-. binden. Da ging ihr durch den Kopf, wie ihr Schwäher, der Stundenweber, seinerzeit gesagt hatte, nichts gehe so gut zusammen als die Weberei und das Denken. Wenn der Weber seine Zettelrahme im Ring herumspringen lasse, sei das gerade so, wie der Herrgott einst die Welt habe anlaufen lassen und nun als Zettel alles Menschenwerk darumlege. Und wenn der Weber erst am Webstuhl sitze, so sei er noch mehr ein Gleichnis Gottes und webe gleichsam Faden an Faden die Menschenschicksale zum großen Lebenstuch zusammen. Und wenn ein Tuchstück fertig sei, so bleiben die Fadenenden im Geschirr und werden mit einem neuen Zettel verbunden, wieder werde gewoben, wieder bleiben die Fadenenden für den neuen Zettel - und so gehe es fort; und das sei ein Sinnbild des Ewigen.
Die Wochen gingen, und Margret und Frieder waren schon am dritten Zettel. Die Tage nahmen wieder zu, jeder um einen Gockelschritt, pflegte Margret zu sagen, wenn einmal der Öberste war. Das Verhältnis der drei Menschen im Weberhause war geblieben, eine nach außen friedlich scheinende, aber gespannte Gleichmäßigkeit, in die ab und zu wie ein verfrühter Hahnenschrei vor Tag ein scharfes, aber selbstbewußtes Wort der Söhnerin fiel.
Frieder war fleißig an seinem Webstuhl. Eifrig trat er die Schemel, das Schifflein schoß wie der Blitz durch den Zettel, und die Lade schlug mit hellem Klappern gegen das Tuch, Elle wuchs an Elle. Die Großmutter spulte tüchtig, und Jaköble brachte in einem geflochtenen Strohkörblein die kleinen Webspulen und nahm die aus Papier zusammengeklebten "Leeren" wieder mit. Dabei verguckte er sich schier in den geheimnisvollen Webstuhl. Wie alle die straffgespannten Fäden mit jedem Schemeldruck durcheinander hindurch auf- und abgingen und mit ihnen das "Geschirr" hinter der Lade. Wie das Schifflein durch die enge Gasse zwischen ihnen durchflog, wie der Vater mit der Lade so herzhaft zuschlagen durfte, daß es laut im ganzen Webgaden hallte! Die sinnvolle Einfachheit der Einrichtungen des alten Webstuhls, die mit so großer Pünktlichkeit zusammenarbeiteten, war seinen Kinderaugen ein Wunder.
Frieder konnte nun oft bis sieben Uhr abends in seinem Webgaden bleiben. Die Dächer tropften tagsüber im Sonnenschein. Der Schnee war bald geschmolzen, und mittags öffnete Frieder die Fenster der freundlich belebenden Sonne. Vor dem Webgaden war ein bescheidenes Gärtlein. Man spürte schon den vollen Geruch des erwachenden, durchfeuchteten Erdbodens, dessen Oberfläche jeden Abend noch unter einer dünnen Haut zusammenschauerte, sich aber am anderen Tag wieder mit neuer Sehnsucht dem Sonnenschein öffnete.
Drüben der Schimmelbauer ließ den Wagen in den Hof rasseln. Er wollte Mist führen auf die Wiesen, die nun aper7) waren. Laut spuckte er in die Hände und lud auf, daß die Achsen knarrten. Und als die SchimInel zum Stall herauskamen, feuerten sie hinaus, als ob sie zum erstenmal in ihrem Leben Märzenluft verschmeckt hätten. An dem schweren Mistwagen konnte ihnen der Frühlingsmut vergehen. Aber flott zogen sie an, und der Bauer gab noch einen besonderen Knall drein.
Frieder sah dem Fuhrwerk in geheimer Lust nach. Die Sonne schien ihm gerade auf seine Webstuhlbank, und es wurde ihm schier zu warm. Unruhig rutschte er hin und her, und manchmal riß der Faden. öfter, als es sonst vorkam, schoß ihm das Schifflein über den Webstuhl hinaus. Was war das? Und die Gedanken ließen den engen Webgaden weit hinter sich zurück. Draußen auf den Wiesen dampfte jetzt der abgeladene Mist, der Schimmelbauer ging prüfend über den Acker daneben und probierte aufstampfend den Boden, ob man bald pflügen könne. Es war nicht mehr weit bis zur Saat. Da trat Frieder die Schemel eifriger und schlug rascher mit der Lade, als müsse er sich eilig zum nahenden Frühling hindurchweben.
Auch Bine, die in diesen Tagen unterhaltsamer' wurde, sprach beim Morgen- und Mittagessen o'ft vom Wetter und von der kommenden Arbeit auf Ackern und Wiesen. Und eines Mittags, als eben wieder die Frühlingssonne durch alle Scheiben brannte, kam sie gar in den Webgaden, den sie aus eigenem Antrieb nie betreten hatte. Das Schifflein blieb mitten in der Bahn stecken, und der ganze Webstuhl stand augenblicklich still. Frieders erstaunter Blick schien fragen zu wollen: Fällt jetzt das Haus ein? Bine sah indessen nicht aus wie drohendes Unheil. Ihr hartes Gesicht hatte sogar einen verbindlichen Zug, und auf die schmalen, nicht gerade blühenden Backen legte die Sonne einen freundlichen Schimmer. Frieder blickte fragend zu ihr hinüber. Es war ihm, das Eis zwischen ihnen müsse nun schmelzen, denn alle litten ja darunter, daß sie noch nicht zusammengefunden hatten.
"Mei' Vater möcht sei' Tannekultur nebe sei'm Pfaffetalacker abholze. Se gibt z'viel Schatte", begann Bine. "Ob du ihm net helfe kö'test, mei't 'r. Du tätest au Stämm' und Stängle für dein' Bedarf kriege."
"Ja, des kö't ma' mache", sagte Frieder, zog das steckengebliebene Schifflein heraus und tat einige leichte Schläge mit der Lade. "In e paar Tag hab i abg'wobe" no' ist nix mehr im Weg."
"Nachher kö'tet ihr dunge mite'nander, d' Miste wächst ei'm ja bald zum Fenster 'rei."
"I hab's au scho' dacht", fügte er bei und nickte zustimmend mit dem Kopfe.
Drüben im Hofe des Nachbarhauses ließ eben der Schimmelbauer seine Rosse wieder anziehen. Gewaltig knallte er in den sonnigen Märztag hinein, und im Webgaden hörte man es um so besser, da eben die Türe aufging. Margret trat herein. Sie stutzte, da sie Bine hier traf. Aber sie hatte es wichtig und konnte sich ob diesem ungewöhnlichen Anblick nicht länger aufhalten.
Die Langenbäurin sei da und frage an, wann sie ihr Garn bringen dürfe. Es sei eigentlich Zeit, fuhr sie fort, mit dem Spulen müsse man gleich anfangen, da er ja bald abgewoben habe.
"Mutter, des lasse m'r im A'stand, vielleicht 's nächst' Jahr", sagte Frieder und tat einige energische Schläge mit seiner Lade.
Da stemmte Margret die Hände in die Hüften und blickte Frieder und Bine fragend an.
Frieder fuhr fort: "I muß mei'm Schwäher8) helfe Holz mache, und nachher muß d'r Mist 'naus."
"So", sagte Margret beleidigt, "von dem hört ma' kei' Wort."
"Eben sagt d' Bine davo"', antwortete Frieder rasch.
"Und mei' Vater hat erst am gestrige' Tag davo' g'schwätzt", warf Bine kurz ein und trat einen Schritt vor, als müsse sie gewonnenen Boden verteidigen.
"So isch immer d'r Brauch, vor Weihnachte spinne' d' Weiber, und nachher wibt ma'. Jetzt pressiert's, und erst kommt doch 's Handwerk. Und seit wenn bist du Knecht beim Neubauer?" sagte Margret entrüstet.
"Jetzt machet no' kein Wirrwarr!" trumpfte Bine auf. Ma' muß doch e'nander aushelfe."
"So, e'nander aushelfe? Von dem hab' i no' nix g'merkt!" erwiderte Margret spitzig und verließ den Webgaden. -
Frieder hatte dem Schwäher geholfen; in vierzehn Tagen war alles fertig gewesen, und er war immer in zufriedener Stimmung nach Haus gekommen. Eine Schaffkuh hatte ihm der Schwäher versprochen und in jedem Osch einen Acker. Eine Wiese könne er vom alten Haldebetz pachten, der sein Sach nicht mehr alles selbst umtreibe. Dann solle er gleich noch ein Kalbele oder Stierle dazu eintun und später vielleicht eine vierte Kuh. Das bringe Geld, und es könne nicht mehr lang anstehen, bis eine Molkerei im Ort sei. Er schaffe schon lang dran. Da war dem Frieder warm geworden. Der Schwäher hatte etwas los, das mußte man ihm lassen. Mit großer Genugtuung sprach er Bine davon. Sie war natürlich mit Leib und Seele dabei. '
Margret schaffte in diesen Tagen wieder im "Adler"; das Spulrad hatte sie in ihr Stüblein hinaufgetan. Man müsse nun auch an den Platz denken, sagte Bine eines Tages.
Man könne einmal in der Pfarrscheuer einen Scheu; nenteil pachten, meinte er.
Aber wo er dann die Kuh hinstellen wolle, fragte sie.
Da müssen eben die Hühner aus dem Kuhstall.
Wohin mit ihnen, war dann ihre Frage. - Er wußte keine Antwort. Da setzte sie sich an den Tisch, weit und vertraulich sich vorbeugend, als müsse sie ihm eine große Rechnung auftun. Auch er ließ sich nieder.
"Guck", begann sie, "i mei', für des G'flügel kö'test im Webgade Platz mache."
Da hab' i doch kein' übrig", sagte er. "
No' macht ma' ein"', antwortete sie kurz, aber vielsagend.
Unwillkürlich lehnte er sich weiter zurück, als dürfe er sie nicht verstehen, und fragte mißtrauisch: "Ja, wie denn?"
De' Webstuhl 'naus, no' hast Platz!" sagte sie entschlossen und richtete sich auf.
Da erhob er sich plötzlich, tat einige Schritte und sagte: "Bist du 'em Narre am Säckle g'wea, des wär e Profit!"
"Jawohl, wär 's einer", entgegnete sie schlagfertig: "Komm, sitz noch e'mol hi, i will dir's zeige!"
Frieder setzte sich schwerfällig, und sie begann: "Guck, bei mei'm Vater hab' i au e bißle rechne g'lernt. I hab' dir's ja scho' e'mol g'sagt, mit deiner Weberei verdienet ihr so fünfzig bis sechzig Mark im Winter, du und dei' Mutter mite'nander! Mußt aber bis in d' Saat 'nei' im Webgade schaffe, mußt Mist führe lasse, mußt säe lasse - und 's meist von dei'm Verdienst ist weg. Jetzt kriegst 'en größere Betrieb, 's kommt mehr raus, du ka'st alles selber schaffe' und bist net bloß e halber Bauer."
"Was soll i aber im Winter a'fange?" fragte er.
"'s gibt immer e G'schäft. Ka'st vielleicht mit andere no' e bißle Holz mache, wie sich's halt grad schickt. No' stehst besser als vorher!" erwiderte sie überlegen.
Frieder schwieg. Sie hatte eigentlich recht. Alles lag vor ihm wie eine aufgelegte Rechnung. Ähnliche Gedanken hatten ihm damals schon kommen wollen, als er auf dem Wasenacker mit ihr darüber gesprochen, aber er hatte sie ängstlich und gewaltsam unterdrückt, da er sonst seiner Mutter weh zu tun glaubte.
"Mei'm Vater sei' Meinung isch au", bekräftigte sie , "ma' muß e'mol Ernst mache, entweder - oder!"
Das zog noch mehr; denn vor dem Schwäher bekam er immer größere Achtung. Etwas Rechtes durchzuführen durfte ihn auch die Mutter nicht hindern, und mit seinem Weib mußte er hausen. Er erhob sich und ging lange in der Stube auf und ab. Es arbeitete heftig in ihm . . . die Mutter, die Mutter! Aber dann blickte er wieder zu Bine hinüber. Sie schenkte ihm bald ein Kind - ein Kind! Beim Weib war sein Platz! Er blieb vor ihr stehen und sagte mit plötzlichem Entschluß: "Gut, i bi' ei'verstande."
Bine horchte auf. "Ma' sollt sofort dra'gehe, scho' morge möcht mei' Vater d' Kuah bringe."
"Morge scho'?"
"Ja, und wenn ma' ei'm bringt, muß ma' d' Tür weit aufmache."
Da ging Frieder mit festen Schritten aus der Stube und stieg die Bühne hinauf, die Axt zu holen. Die Treppenstufen ächzten laut unter seinen Tritten, daß er unwillkürlich leiser aufzutreten versuchte. "Hol du d' Säg'!" rief er ihr zu. "Se liegt hinterm Haus."
Bald trat er mit der Axt in der Hand in den Webgaden hinein. Sie kam mit der Säge. Keines sprach ein Wort. Er meinte, die Stimme müßte versagen, wenn er spräche, so trocken war sie. Erst hing er die Lade aus, die in den oberen Längsbalken des Stuhles hing. Vorsichtig trug er sie hinaus, um sie nachher auf die Bühne zu bringen. Dann nahm er die Sitzbank, reichte sie Bine, die sie hinausschaffte. Den schweren Weberbaum trug er selbst. Er war heute noch schwerer als sonst. Dann kamen noch die beiden Wellen dran, uxn die das fertige Tuch gewickelt wurde. Bine schleppte sie hinaus. Entblößt und entweiht stand nun das Gestell da. Auf den vier aufrechten Pfosten ruhten die zwei Längs- und die zwei Querbalken, alie aus gutem Eichenholz, mit Zapfen ineinandergelassen. Frieder nahm die Axt und hieb zu. Er erschrak vor seinen Schlägen. Immer wieder ließ er die Axt sinken und mußte sich aufs neue zwingen, weiterzumachen. Ein Längs- und ein Querbalken lagen am Boden, ein zweiter Längsbalken folgte. Nun war er am letzten. Der wollte nicht nachgeben. Frieder hieb stärker zu. Plötzlich krachte es, und zersplittert fiel er herunter. Die vier aufrechten Pfosten starrten hilflos ins Leere.
Da hörten sie von außen die Stimme der Margret: "Was poltert denn so?" und schon stand sie im Webgaden - blaß und sprachlos. Die beiden erschraken.
"Ma' braucht de' Platz fürs G'flügel, wenn i d' Kuh vom Schwäher krieg", sagte Frieder unsicher.
"De' Webstuhl, wo scho' dei' Vater g'schaffet hat!" Vor fünfzig Jahr scho'!" - mehr brachte Margret nicht heraus; sie atmete schwer.
"'s hat halt sei' müsse", sagte die Söhnerin.
"Und du mußt die drei' schicke", fügte nun Frieder mit fester Stimme bei.
"So, in die neu Mode?" sagte Margret bitter und warf einen bösen Seitenblick auf Bine.
"Früher hat ma' Tubak g'schriebe, und jetzt schreibt ma' Zundel. D' Welt dreht se rum, und wir müsse mit", erwiderte diese scharf.
"Zum Umlerne bin i z' alt; und um euch de Pudel z' mache', z' gut", brach nun Margret los, sich zornig an Frieder wendend. "Des hat dir die da in Kopf g'setzt die, der nix gut g'nug ist im ganze Haus, wo di die hi' bringt, des wirst scho' sehe!" Und nun trafen ihre Blicke wie glühende Pfeile die der Schwiegertochter.
Uberlegen trumpfte jedoch die Junge auf: "Da brauchet ihr euch gar net vereifere, d' Weberei rentiert sich nimmer, des ist scho' lang am Tag!"
Nun loderte es in Margret auf wie wildes Feuer, und sie schrie noch erregter über die Söhnerin hinein: "Was! e Sege ist se g'wea für des Haus. Seit aber du da bist - ist d'r Fluch drin!" Alle waren einen Augenblick starr und stumm. Frieder wollte dazwischentreten. Aber sein Weib fuhr nun auf und sagte gellend scharf: "Was? So weit isch jetzt! Hab' i 'en Ma' oder net? Entweder gang i - oder sie."
Frieder trat einen energischen Schritt vor und sagte: "Mutter, daß du's weißt, des ist mei' Weib!" Unwillkürlich deutete er dabei mit der rechten Hand nach der Türe.
"So?" sagte Margret schier tonlos. Und ohne noch ein Wort zu verlieren, verließ sie den Webgaden.
"Biege oder breche! I muß jetzt de Friede im Haus habe!" rief er ihr noch laut nach, wie um sich zu rechtfertigen. Aber man hörte nur noch, wie die Mutter rasch wegging.
Schweigend räumten die beiden den Webgaden vollends auf und fingen an, einen Hühnerstall hineinzubästeln.
Am andern Tag ging Margret zum Schmied und holte seinen Handwagen. Darauf lud sie ihre Siebensachen, um sie ins Armenhaus zu führen. Dort mietete sie ein leeres Stüblein, da sonst keines im Dorf zu bekommen war. Sie zahle selbstverständlich, hatte sie zuxn Schultheiß gesagt.
Kunkel und Spinnrädle, Zettelrahme, Haspel, Spulrad und alles, was zu dem nun entweihten Weberhandwerk gehörte, nahm sie mit. Während sie mit der letzten Fuhre vom Haus abging, rückte der Neubauer mit einer kräftigen Schaffkuh an, die er den Jungen in den Stall stellte. Nun komme ja das Glück vierfüßig ins .Haus, da könne sie ruhig gehen, dachte Margret bitter.
Einige Tage später nahm der Schwäher seinen Schwiegersohn aufs Rathaus und ließ ihm zwei von den drei Äckern gleich einschreiben. Schwarz auf weiß im Grundbuch ist aber noch mehr als bar Geld, und die Nachbarn meinten, wenn man einen so in den Schmalzhafen hineinsetze, sei gut schaffen.
Frieder wurde jedoch seines Besitzes nicht recht froh. Es war ihm, er hätte mit dem Teufel gehandelt und sein eigen Blut verratez~ . . . Aber er war es doch seinem Weib schuldig gewesen! Sie mußte ein Recht im Hause haben. Das stand so klar vor ihm wie das Einmaleins. Trotzdem kam er nicht ins reine mit sich selber; denn gegen seine Mutter kann man nie recht haben. Dieses Gesetz steht allein im Herzen; da hat der Verstand nichts zu sagen, und es ist schon so alt wie der liebe Gott.
Bine gab sich Mühe, gut Wetter ins Haus zu bringen. Doch die Abkühlung hatte zuviel Kälte zurückgelassen; die innere Wärme zufriedener Seelen fehlte. Und die starke Schaffkuh samt den Ackern vermochten lange nicht, Frieder ins Gleichgewicht zu bringen. Da warf er sich mit allen Kräften auf die größere Arbeit, die es nun gab, und Bine hatte einen geheimen Stolz, wie aus dem Weber ein Bauer wurde.
Das Jaköble war ein häufiger Gast im neuen Großmutterstüblein, und die Freude war groß, bis er wieder alle die Dinge entdeckt hatte, die ihm ans Herz gewachsen waren, das nickelbeschlagene Schifflein, das Spinnrad, den Haspel und das Spulrad. Und als könnte sie dadurch eine leise Hoffnung nähren: die Ahne überließ ihm diese Dinge noch lieber als vorher. Gerne ließ sie ihn haspeln, bis es wieder den feinen Schnapper tat, ließ ihn das Spulrad treiben, daß es zitterte, und das nickelbeschlagene Schifflein schenkte sie ihm eines Tages ganz. Er trug es im Triumph nach Hause und sang seinen Eltern den ganzen Abend ein Lied von der guten Ahne in die Ohren.
Im Anfang schickte Bine einigemal Milch durch das Jaköble; aber Margret gab sie immer zurück und ließ , sagen, sie sei schon versehen, und da wäre es schade, wenn die Milch schlecht würde. So kam die verschmähte Gabe, ohne daß Jaköble etwas auffiel, wieder zurück, und Bine schickte nichts mehr.
Margret spann indessen nicht am Faden der Trübsal. Sie versah ihr Backhaus und ging in den Taglohn. rlberall, wo zwei schaffige Hände fehlten, sah man sie gerne. Allmählich blieb sie fast ganz im "Adler" und ging dort in allen Geschirren. Für das Mitleid der Leute bedankte sie sich entschieden, und wenn jemand die heikle Frage tat, warum sie denn ausgezogen sei, so sagte sie, man müsse auch die Jungen ans Regiment lassen; so sei einmal der Lauf der Welt. Mehr konnte man nicht aus ihr herausbringen. Daß die Leute einen langen Schwanz wahrer und falscher Vermutungen ihrem Auszug anhä,ngten, dafür konnte sie nicht. Und ins Herz hineingucken ließ sie niemand. Dort war eine Wunde, die nicht heilen wollte. - -
Einige Monate waren vergangen. Das Jaköble ging seit Jörgentag als Rekrut in die Schule. Stolz marschierte er mit seinem Ränzlein auf dem Buckel am Haus der Ahne vorbei. Das Schulhaus war ganz in der Nähe, und wenn sie daheim war, holte er das Vesperbrot bei ihr.
An einem hellen Julitag sprang er nun mit der Botschaft ins Haus, das M'rei-Rösle - so hieß die Hebamme - habe ihnen ein Kindle gebracht, ein Mädle; aus ihrem Brunnen habe sie es gestern abend herausgezogen und zu ihnen hereingetragen, und sie dürfen es nun ganz behalten, und alle Tage wolle er es der Mutter spazieren fahren. Dann sprang er fröhlich wieder fort.
Nun wurde Margret nachdenklich. Sie hatte sich schon oft besonnen, was sie tun müsse, wenn es einmal soweit sei. Die Mutter in ihr wachte auf, und Bine, von der sie aus dem Hause gedrängt worden war, hatte das Jaköble seither liebevoll behandelt und gut gepflegt das mußte man ihr lassen, und sie war nun auch Mutter und lag im Bett. Es war ihr sicher nicht leicht gegangen; so gesund und fest war sie nicht, und über die dreißig hinüber war sie auch.
Margret wollte ein gutes Kindbetterinbrot backen, mit viel Eiern und Butter, und es durch das Jaköble schikken. Oder sollte sie selbst . . .? Nein! Ihr Frieder hatte gerade soweit zu ihr, wie sie zu ihm. Er hatte ihr gezeigt, wo der Zimmermann das Loch hinausgemacht habe. Dahinein ging sie nie mehr! Sie war die Margret.
Also richtete sie das Backen einmal hin, schlug Eier zusammen und machte den Teig. Die Hofbäurin war auf den Abend für das Backen aufgeschrieben. Bei ihr wollte sie fragen, ob sie den Laib mitbacken könne. Sie war schon unter der Türe, als atemlos die Evam'rei dahersprang.
"Weißt du's net, bei d'r Bine isch am Ausgehe'! Ihr Mutter springt grad in üsch 'naus und holt de' Neubauer."
Da war es Margret, die Kräfte wollten sie verlassen. "Des ka' doch net sei'!" sagte sie und blickte der Angekommenen ins Gesicht, als wolle sie um eine andere Antwort betteln.
Aber die Evam'rei wußte keine andere und ging wieder ihres Weges. Margret vermochte keinen Gedanken zu fassen, so wogte es in ihr hin und her. Da sah sie sich im Geiste plötzlich zu - Hause. Dort starb vielleicht eine Mutter für ihr Kind, und der Vater stand dann mit dem Würmlein allein. Mochte gewesen sein, was wollte - Frieder war ihr Sohn, sie war seine Mutter, und er brauchte ihre Hilfe. Und - Bine vielleicht auch.
Sie lief, so schnell sie die Füße trugen, dem Weberhause zu; aber als sie ankam, war Bine schon gestorben. "Frieder, ja was ist au des!" sagte sie zu ihrem Sohn.
Er schüttelte nur hilflos den Kopf und verbiß .die Tränen. Endlich brachte er heraus: "I ka's gar net glaube! Se ist so wacker g'wea gest' obeda) und hat mi a'g'lacht wie e Kind. Und noch die Fieber!"
"Des arm' Würmle!" sagte Margret und deutete nach der Wiege, wo das mutterlose Kindlein wimmerte.
"Und sie ist in der letzten Zeit immer so recht und brav g'wea", hing Frieder noch seinen Gedanken nach.
Margret nickte und blickte lange zu der Toten hinüber, sprach aber kein Wort; in solchen Augenblicken redet das Schweigen am 'meisten. Dann machte sie sich an die Arbeit, als sei sie nicht einen Tag dem Hause fern gewesen. Sie machte der Bine selbst das Sterbkleid und nähte ihr weiße Rosen auf die Brust.
Am Grab der Jungen stand die Alte wie vor den Toren in eine unfaßbar weite Welt, bei deren Licht aller Kram des irdischen Tages, den man so eifersüchtig hütet, in Nichts versinkt. Das offene Grab redete zu ihr eine hohe, stille Sprache, vor der alle gegensätzlichen Worte der Menschen verstummen, wie das tausendfache Getöse der Welt in dem Schweigen der unendlichen Himmelsglocke ertrinkt. Sie reichte der Söhnerin im Geiste die Hand der Versöhnung und wollte ihr kein Wörtlein und kein Recht voraus haben.
Man kam wieder heim vom feuchten Grabhügel. Der Tag wollte sein Recht, und Arbeit gab es alle Hände voll. Margret wurde noch einmal jung. Nichts wurde ihr zuviel. Des kleinen Binele wartete sie mit unendlicher Sorgfalt, mit der Liebe einer Mutter und einer Großmutter zusammen. Auf dem Grabhügel der verstorbenen Mutter durfte kein unrechtes Gräslein wachsen, mußten aber im Frühjahr immer die ersten Veilchen und Narzissen blühen. Das Jaköble ging jeden Tag wie ein blankgeputzter Stern aus den Händen der Ahne in die Welt hinein. Und Frieders ganze Haushaltung war jahraus, jahrein im Blei, wie wenige im Dorf.
Alle fünf oder sechs Jahre baute Margret noch einen Hanf, spann selber - ließ aber in der Fabrik weben. Der Webstuhl wurde nicht mehr aufgeschlagen, und man sprach mit keinem Wort mehr davon. Als aber Jaköble mit vierzehn Jahren darauf bestand, er wolle in der Fabrik Webmeister werden, und als er in die Webschule eintreten durfte, war es der Ahne wie Erfüllung in einem höheren Sinne.
Jahre gingen. Die alte Margret freute sich des jungen tüchtigen Webmeisters. Sie freute sich seiner Kinder und lebte immer noch wie ein Ruhepunkt im unaufhaltsamen Strom der dahingehenden Menschen. Sie ging dem Frieder mit der Leiche und dem Binele, die nu,n Weberbäurin heißt, zur Hochzeit. Um sie herum gehen die Lebenswellen des dritten Geschlechtes. Und sie sitzt immer noch in ihrem Stüblein zwischen alten Möbeln, Haspel, Kunkel, Spul- und Spinnrad und spinnt mit welken, langsam werdenden Fingern an ihrem Lebensfaden, bis ihn der Herrgott eines Tages leise abschneidet und sie freundlich ihren vorausgeeilten Gedanken nachträgt.
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